Wohin geht der Pietismus?

Eine Einladung zur Besinnung und Umkehr

Inhalt

Pia Desideria
Pia Desideria
Fig.1

Anschrift des Verfassers:

Dr. Lothar Gassmann, Am Waldsaum 39, D-75175 Pforzheim
Tel. 07231-66529, Fax 07231-42 44 067,
Email: LOGASS1(a)t-online.de

Das Buch zum Thema:

Lothar Gassmann, PIETISMUS – WOHIN? Neubesinnung in der Krise der Kirche,
Wuppertal 2004, 190 Seiten, ISBN-Nr. 3-87857-325-1, 12,80 Euro (beim Verfasser erhältlich)


1. Wo steht der Pietismus?

Eine Einleitung1

Der Pietismus befindet sich in einer Krise. Als eine Bewegung der Bibel hat er sich der Bibelkritik geöffnet. Als eine Bewegung der Heiligung hat er sich dem unheiligen Zeitgeist geöffnet. Als eine Bewegung der geistlichen und kirchlichen Erneuerung hat er sich in den Glaubensabfall der Kirche hineinziehen lassen. Wird er, werden seine Vertreter noch die Kraft finden, das Ruder herumzureißen und sich diesem Abwärtskurs zu entziehen? Wird es eine Neubesinnung zu Christus allein, zur Heiligen Schrift allein, zu Gnade und Glaube allein geben?

2. Herzensfrömmigkeit und Erneuerung.

Der Pietismus und seine Anfänge

"Pietismus" kommt von dem lateinischen Wort "pius". Dieses bedeutet „fromm und rechtschaffen“. Damit verwandt ist das lateinische Hauptwort "pietas", „Frömmigkeit“.

Der Pietismus entstand als Erneuerungsbewegung im 17. Jahrhundert angesichts einer aus der Reformation hervorgegangenen theologischen Richtung, die man als „Orthodoxie“, d.h. „Rechtgläubigkeit“, bezeichnet hatte. Letzterer warf man vor, nur noch trockene Dogmatik zu lehren, welche nicht mit Leben gefüllt war. Der Grundsatz des Pietismus lautete dagegen: Der Glaube muss vom Kopf ins Herz dringen, er muss gelebt werden.

Vor allem in Württemberg, aber etwa auch im Siegerland, im sächsischen Erzgebirge und am Niederrhein bei Wuppertal besaß der Pietismus eine große Tradition und ist auch heute noch zahlreich vorhanden. Der Pietismus hat die sogenannten „Stunden“ und Gemeinschaften hervorgebracht mit ihren unterschiedlichsten Ausprägungen. Da gibt es z.B. die Altpietistischen Gemeinschaften, den Württembergischen Brüderbund, die Liebenzeller Gemeinschaften, die Pregizer Gemeinschaften, die Hahnschen Gemeinschaften, die Süddeutsche Vereinigung, die Chrischona-Gemeinschaften, den AB-Verein, die Evangelische Gesellschaft für Deutschland, die Siegerländer Gemeinschaften und viele andere. Alle diese gehen letztendlich auf den Pietismus zurück. Im 19. Jahrhundert entstand unter dem Eindruck der „Großen Erweckung“ (Wesley, Finney, Moody u.a.) der Neupietismus – in gewissem Gegensatz zum Altpietismus, welcher sich auf die ursprünglichen pietistischen Väter stützt.

Der Leipziger Rhethorikprofessor Joachim Feller formulierte im Jahre 1689 folgende Definition: „Was ist ein Pietist? Der Gottes Wort studiert und nach demselben auch ein heiliges Leben führt.“ Der Begriff „Pietist“ wurde ab 1674 vereinzelt für Anhänger des Frankfurter Seniors Philipp Jakob Spener gebraucht. Der Begriff findet sich erstmals in einem Brief Speners aus dem Jahre 1680. Die Sache, um die es geht, ist jedoch älter.

Im 17. Jahrhundert herrschte immer noch die reformierte und die lutherische Orthodoxie vor, eine Rechtgläubigkeit, die sich zum Teil auf den Kopf beschränkte. Der Pietismus lief eine Zeitlang parallel zu einer Strömung, die man die „Aufklärung“ nennt. Aufklärung und Pietismus waren – insbesondere im Blick auf die neuzeitliche Wende weg vom Autoritäts- und Kirchenglauben und hin zum Individualismus und Subjektivismus, zur inneren Religion des Herzens – wie ungleiche Zwillinge, die sich im Grunde nicht mochten und in ihren Nachfolgebewegungen bis heute bekämpfen.

Gemeinsam mit der Aufklärung betonte der Pietismus die Bedeutung des Subjekts, der individuellen Erfahrung des Menschen. Gemeinsam mit der Orthodoxie jedoch hielt er grundsätzlich an der Offenbarung Gottes in der Bibel fest, was für die Aufklärung aufgrund ihrer Bibelkritik (weithin) undenkbar war. Je mehr sich allerdings Pietisten dem „inneren Wort“, der subjektiven „Erleuchtung“ und Ähnlichem öffneten, desto mehr rückten sie von der Bibel ab und näherten sich der Verstandes- und Gefühlsreligion der Aufklärung an (ein Vorgang, den wir auch heute beobachten). Der Pietismus wandte sich also einerseits – zu Recht – gegen die orthodoxe Erstarrung im Buchstaben, zugleich aber auch gegen die aufklärerische Verwässerung des Buchstabens. Beides sind Mißstände, die es in einer vom lebendigen Gott durch sein Wort geschenkten Lebenserneuerung her zu bekämpfen und zu überwinden galt (und gilt).

Im Unterschied zur Aufklärung finden wir im Pietismus eine lebendige, verinnerlichte Religiosität, eine Herzensfrömmigkeit. Man spricht hier auch von der Pektoraltheologie. Das lateinische Wort „pectum“, das Herz, steht für eine Theologie des Herzens, also der Innerlichkeit.

Weiter ist die Selbstbeobachtung für den Pietismus charakteristisch. So wurden von August Hermann Francke und anderen Pietisten Tagebücher geführt, Biographien über die eigenen Erfahrungen mit Gott.

Die „Praxis pietatis“, die "Frömmigkeitspraxis" trat an die Stelle einer bloßen Kopftheologie (zumindest wurde diese den Gegnern unterstellt). Besonders betont wurden Wiedergeburt und Heiligung, stärker als in der Theologie der Reformatoren. Eine wichtige Bibelstelle in diesem Zusammenhang ist Johannes 3,3, wo Jesus spricht: „Ihr müsst von Neuem (oder auch: von oben her) geboren werden (griech: anothen genesthai)."

Die Scheidung von der Welt war ein weiterer Lehrschwerpunkt. Diese nahm oft asketische und weltverneinende Formen an. Eine Konventikel-Tendenz führte zum Teil zum Separatismus (Absonderung von der Kirche). Überwiegend jedoch wollte man "Kirchlein in der Kirche" („ecclesiola in ecclesia“) sein, wie Spener formulierte.

Einige der bedeutendsten Väter der Frühzeit des Pietismus waren: Philipp Jakob Spener, August Hermann Francke, Gottfried Arnold, Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf, Johann Albrecht Bengel, Friedrich Christoph Oetinger, Philipp Matthäus Hahn und Johann Michael Hahn. Weitere wichtige prägende Persönlichkeiten des Pietismus waren z.B.: Johann Jakob Rambach, Philipp Friedrich Hiller, Gerhard Tersteegen, Johann Friedrich Oberlin, Johann Heinrich Jung-Stilling, Aloys Henhöfer, Ludwig Hofacker, Christian Gottlob Pregizer und Johann Christoph Blumhardt.

Neben etlichen Gemeinsamkeiten gab es zum Teil auch tiefgreifende Unterschiede und Gegensätze zwischen diesen Vätern.2 Der Pietismus war und ist keineswegs eine einheitliche Größe!

Der Pietismus, der ursprünglich als Reform- und Erneuerungsbewegung auf den Plan trat, rief von Anfang an bis heute zahlreiche Gegenschriften, Stellungnahmen, Verordnungen und Verbote hervor. Widerstand erfuhr er von verschiedenen Seiten: von der Orthodoxie ebenso wie von der Aufklärung, von Kirchenleitungen ebenso wie von Regierungen. Zu den frühen Gegnern des Pietismus zählen z.B. der Danziger Professor Daniel Schel(g)wi(n)g mit seiner Schrift „Die sektiererische Pietisterei“ (1696/97) und der Dresdner Superintendent Valentin Ernst Löscher mit seinem „Vollständigen Timotheus Verinus“ (1718/21).

Als Beispiel, welche Kritikpunkte man dem frühen Pietismus entgegenhielt, gebe ich (in eigener, verständlicherer Formulierung) einige Auszüge aus der „Verordnung gegen den Pietismus“ des Konsistoriums von Braunschweig-Lüneburg aus dem Jahre 17033 wieder (mit eigenen Anmerkungen in Klammern). Der aufmerksame Leser wird selber feststellen, dass etliche dieser Vorwürfe zwar auf Vertreter eines „radikalen“ oder mystischen Pietismus zutreffen, aber z.B. nicht auf die nüchterne und gemäßigte Richtung in der Linie eines Spener oder Francke. Folgende Punkte wurden den Pietisten vorgehalten:

Allgemein wurde den Pietisten vorgehalten, sie setzten die Bekenntnisschriften der Reformatoren herab und verurteilten undifferenziert alle Philosophie. Zusammenfassend sei vermerkt: Diese Vorwürfe treffen sicherlich zum Teil zu, allerdings wurde in ungerechtfertigter Weise immer wieder verallgemeinert. Später hat man dann versöhnlichere Töne angestimmt, etwa in Württemberg in Form des Pietisten-Reskripts von 1743, welches pietistische Versammlungen unter Aufsicht der Kirchenleitung duldete – ähnlich wie das neue Pietisten-Reskript aus dem Jahre 1993.

3. Aufritt oder Austritt?

Der Pietismus und die Kirche heute

Heute geht es verstärkt um die Frage der Innerkirchlichkeit des Pietismus, insbesondere der im „Gnadauer Verband für Evangelisation und Gemeinschaftspflege“ zusammengeschlossenen Gemeinschaften und Werke. Der 1888 durch eine erste große Pfingstkonferenz von Gemeinschaftsvertretern in Gnadau bei Magdeburg initiierte und schließlich 1897 konstituierte „Gnadauer Verband“ ist bis heute der Dachverband der meisten pietistischen Werke und Gemeinschaften im deutschsprachigen Raum mit zur Zeit zusammen über 300.000 Mitgliedern. Konkret stellt sich die Frage: Sollen heutzutage Pietisten auf Gedeih und Verderb in der Volks- oder Landeskirche bleiben, während diese sich immer stärker vom Wort Gottes entfernt?

Viele Pietisten berufen sich auf ein Zitat, das einem der Hauptinitiatoren des ersten Gnadauer Kongresses im Jahre 1888, Professor Theodor Christlieb, zugeschrieben wird: „Wir Gnadauer wollen sein in der Kirche, wenn möglich mit der Kirche, aber nicht unter der Kirche.“ Dieser Satz stellt ein durchaus lobenswertes Motto dar, solange es möglich ist, in der Kirche zu bleiben. Aber ist das heute für einen wiedergeborenen Christen, der seinem HERRN konsequent nachfolgen möchte, noch möglich?

3.1. Der Kirchenaustritt eines Gemeinschaftspräses

Im Jahre 1993 geschah etwas Spektakuläres, das es in der Zeit der über 100-jährigen Geschichte der Gnadauer Gemeinschaftsbewegung noch nie zuvor gegeben hatte. Im Juni 1993 trat der Vorsitzende eines pietistischen Landesverbandes gemeinsam mit seiner Frau aus der Evangelischen Landeskirche aus, nämlich der Bauunternehmer Willi Quast aus Siegen, der Präses des Siegerländer Gemeinschaftsverbandes. Quast begründete seinen Austritt, der viel Wirbel hervorrief, mit einer Stellungnahme, die ich anschließend im Wortlaut wiedergebe:

"Ein Austritt aus einer Kirche, in der man fast 70 Jahre gewesen ist und in der man auch durch klare Verkündigung des Gotteswortes manchen Segen empfangen durfte, ist in unserem Leben ein tiefer Einschnitt. Aber die Entscheidung zum Austritt ist zur Reife gekommen, da wir vieles, was in der Kirche schon länger und allmählich immer stärker zum Ausdruck kommt, mit unserem Schriftverständnis nicht mehr in Einklang bringen können. Wenn wir weiter in der Kirche geblieben wären, hätten wir uns schuldig an unserem Herrn gemacht.“ ...

Und dann nennt Willi Quast folgende Austrittsgründe:


Ein weiterer Anlaß zu unserem Schritt ist auch die Verwendung unserer nicht geringen Kirchensteuer zu von uns nicht gewollten Zwecken.

Die Bezeugung der Botschaft des Evangeliums mit der zentralen Mitte in der Person Jesu Christi, dem Sohn Gottes, und die in der Schrift uns deutlich gekennzeichnete Gemeinde Jesu als dem Leib Christi ist mir zur Aufgabe geworden, die ich in aller menschlichen Schwachheit weiter erfüllen möchte.

Wir grüßen mit dem Gotteswort:

'Habe acht auf dich selbst und auf die Lehre; beharre in diesen Stücken. Denn wo du solches tust, wirst du dich selbst retten und die dich hören (1. Timotheus 4,16)."4

3.2. Die gegenwärtige Diskussion über die Inner- oder Freikirchlichkeit Gnadaus

Die Erwiderung des Präses des Gnadauer Gesamtverbandes, Pfarrer Christoph Morgner, ließ nicht lange auf sich warten. In einem Brief vom 22. Juni 1993 schrieb er an Willi Quast:

„Lieber Willi, ...

´Wer glaubt, flieht nicht.` Mit Weglaufen verändern wir nichts. Wo wir auch hingehen – ähnliche Probleme sind schon da, nur zeitverzögert und in kleinerem Maßstab. Das zeigen uns doch die Freikirchen zur Genüge.

Die Geschichte des Reiches Gottes sagt uns: Gott hat in einer desolaten Kirche, für die wer weiß wie oft kein Pfifferling mehr gegeben worden ist, immer wieder Erneuerungs- und Erweckungsbewegungen geschenkt. Wenn wir nicht damit rechnen und daran glauben – wie wollen wir dann über Hes 37 predigen?"5

Hesekiel 37 handelt von der Erweckung von Totengebeinen. So weit diese erste Reaktion des Gnadauer Gesamtpräses.

Der Präsesbericht Christoph Morgners von 1996 stellt drei Modelle vor, die in der Zwischenzeit in Gnadau propagiert und toleriert werden:

In Baden etwa gibt es laut § 10 Abs. 2 der landeskirchlichen Grundordnung eine Regelung, die es ermöglicht, neben den (parochialen) Ortsgemeinden auch Personalgemeinden zu gründen:

„Diese Form kirchlicher Arbeit kann dort erwogen werden, wo Stadtmissionen für ihre missionarische Arbeit auch pfarramtliche Rechte benötigen (z.B. für die Taufe bisher konfessionsloser Menschen). Eine solche Form der Zusammenarbeit zwischen Stadtmission und Gemeinschaften einerseits und der Landeskirche andererseits setzt voraus, daß Einvernehmen über das Berufungsverfahren des Stadtmissionars bzw. Predigers und über das Visitationsrecht der Landeskirche gefunden wird.“6

Die Kirche kann also in Personalfragen der Gemeinschaften mitbestimmen und sich in deren Belange einmischen. So besitzt sie – wie schon erwähnt – das Recht der Visitation (Überprüfung) und kann etwa darauf dringen, dass der Prediger von einer von der Landeskirche anerkannten Ausbildungsstätte kommen muss. So heißt es etwa in dem am 12.04.2000 vom württembergischen Oberkirchenrat herausgegebenen Papier: „Grundsätze zur Bildung von Gemeinschaftsgemeinden innerhalb der Evangelischen Landeskirche in Württemberg“:

„Theologisch verantwortet werden können Personalgemeinden in der gegenwärtigen kirchlichen Situation (des volkskirchlichen Pluralismus; d. Verf.), wenn sie

Während mit diesen Festlegungen die Wahrheitsfrage ausgeblendet wird (der volkskirchliche und bibelwidrige Pluralismus muss toleriert werden), wird mit den folgenden Bedingungen die Abhängigkeit der Verkündiger von der Landeskirche festgelegt:

„Die Gemeinschaftsgemeinde ist Teil der Evangelischen Landeskirche in Württemberg und zugleich des betreffenden Gemeinschaftsverbandes. Der ... Prediger und/oder die zuständige Gemeindeschwester/Diakonin wird vom Oberkirchenrat auf Zeit ... mit der Verkündigung des Evangeliums, der Verwaltung der Sakramente und der Vornahme von Amtshandlungen beauftragt, soweit sie eine entsprechende theologische Ausbildung besitzen. Die erforderliche theologische Ausbildung wird in der Regel an einer von der Evangelischen Landeskirche anerkannten Ausbildungsstätte erworben..“

Hierdurch erklärt sich die überraschende Tatsache, dass immer mehr pietistische Seminare Verträge mit weltlichen Universitäten oder bibelkritischen theologischen Fakultäten schließen, um „anerkannte“ Abschlüsse zu erhalten. Ein hoher Preis! Man strebt mehr nach der Anerkennung durch Menschen als nach der Anerkennung durch Gott! Aber man zahlt nicht nur einen geistlichen, sondern auch einen materiellen Preis aufgrund dieser Verlautbarungen. Es heißt nämlich weiter in den „Grundsätzen“:

„Die Gemeinschaftsgemeinde erhält keine Zuweisungen bei der Verteilung der Kirchensteuermittel gemäß den allgemeinen Verteilgrundsätzen.“

Kirchensteuern zahlen dürfen die Mitglieder der Gemeinschaften. Aber die Gemeinschaften ihrerseits erhalten – von Ausnahmen abgesehen – keine Zuwendungen aus Kirchensteuermitteln!

Aufgrund solcher gravierender Forderungen und Bevormundungen, vor allem aber angesichts der – aus geistlich-biblischer Sicht betrachtet – immer unerträglicher werdenden Mißstände in der EKD gibt es mittlerweile – gegen den Willen des Gnadauer Präses – ein viertes Modell:

Selbstständige Gemeinden: Hierbei gehören Gemeinden nur noch dem Gemeinschaftsverband, nicht aber der Kirche an. Diese Möglichkeit haben die Väter immer offen gelassen. Volker Heckl, der Direktor der Evangelischen Gesellschaft, sagte bereits in seinem Jahresbericht von 1993:

„Die vierte Form wäre die ´selbständige Gemeinde` als ´freie Gemeinde` außerhalb der Landeskirche aber innerhalb des Gemeinschaftsverbandes. Hier bestehen keine Rechte und Pflichten mehr gegenüber der Landeskirche. Diesen Zustand könnte man bezeichnen als ´Konkurrenz`. Alle diese vier Formen haben wir in der Evangelischen Gesellschaft in Deutschland. Diese Pluralität muß auch bei uns möglich sein, wenn denn die Gemeinschaftsbewegung die ekklesiologische Frage nicht zur obersten Norm erhebt.“7

Gottesdienste finden dann durchaus auch parallel zu den kirchlichen Gottesdiensten statt, insbesondere, wenn dort kein wiedergeborener Pfarrer predigt. Christoph Morgner dagegen warnt vor diesem vierten Modell:

„Wer Gnadau aus der Kirche holt, wird es zerreißen. Der amputiert es und beschneidet seine Möglichkeiten.“ 8

Volker Heckl betonte im Jahresbericht von 1995, dass man diesen Weg trotzdem gehen möchte und dass in der Evangelischen Gesellschaft auch „Modell-Vier-Gemeinden“ toleriert werden.

Es gibt eine „Arbeitsgemeinschaft Modell Vier“, die zur Zeit in Heuchelheim bei Gießen ihren Sitz hat. Sie vertritt folgende Ziele.

Nun sollen noch einmal skizzenartig einige Argumente und Gegenargumente miteinander ins Gespräch gebracht werden. Die Argumente stammen im Wesentlichen vom Gnadauer Präses Christoph Morgner, insbesondere aus seinem Präsesbericht von 1996, sowie von Klaus Bockmühl, auf den sich Morgner zum Teil beruft. Auch bei etlichen anderen Gelegenheiten hat er sich ähnlich geäußert.

4. Anpassung oder Absonderung?

Der Pietismus und der Zeitgeist

Nun geht es um die Frage: Wo steht der Pietismus selber? Wie sieht es innerlich, geistlich in seinen Werken aus? Ist der Welt- und Zeitgeist in diese eingedrungen? Wie ist sein Verhältnis zur Ökumene, insbesondere zur Römisch-Katholischen Kirche? Gibt es womöglich sogar eine Spaltung im Pietismus sowie in der umfassenderen evangelikalen Bewegung, zu welcher sich der Pietismus zählt?

4.1. Die gegenwärtige innere Gespaltenheit der pietistischen und evangelikalen Bewegung

Im Jahre 2000 erschien in England ein Buch mit einem äußerst provokativen Titel: „Evangelicalism Divided“, zu deutsch: „Die Evangelikalen sind gespalten“. Autor ist Iain H. Murray, der frühere Assistent von Dr. Martyn Lloyd-Jones (1899-1981). Murray dokumentiert darin „die verhängnisvolle Veränderung in den Jahren 1950 bis 2000“ (so der Untertitel seines Buches), die von der biblischen Klarheit und Eindeutigkeit hin zur unbiblischen Verwässerung und Ökumenisierung der Evangelikalen geführt hat. Diese Veränderung führt Murray u.a. auf den Einfluss des immer liberaler gewordenen theologischen Fuller-Seminars in den USA sowie des bekannten Evangelisten Billy Graham zurück.

Wie Murray ausführlich belegt, hat Graham – im Gegensatz zu seinen Anfängen – seit den 50er Jahren in seinen Evangelisations-Feldzügen eine immer weitere Öffnung bezüglich seiner Partner vorgenommen – bis hin zu liberalen Kirchen und Rom. Er hat schließlich sogar darauf verzichtet, erweckte und bekehrte Menschen in eindeutig bibeltreue Gemeinden zu schicken (was sich heute etwa in den deutschen ProChrist-Evangelisationen entsprechend auswirkt). Murray betrachtet dies – zu Recht – als eine verhängnisvolle Weichenstellung in die falsche Richtung, der bereits in den 60er-Jahren Martyn Lloyd-Jones heftig durch seine Forderung nach einer biblischen Absonderung widersprochen hat.

Als ein „Höhepunkt“ im Zusammenhang dieser Entwicklung ist das im Jahre 1994 in den USA veröffentlichte Dokument zu werten: „Evangelicals and Catholics Together“ („Evangelikale und Katholiken gemeinsam“), das u.a. von führenden Evangelikalen wie Charles Colson, Richard Land, Brian O` Connell, Bill Bright, Os Guiness, James Packer und Pat Robertson unterzeichnet ist. Darin wird – trotz Benennung fundamentaler Unterschiede – behauptet: „Evangelikale und Katholiken sind Brüder in Christus“ und dazu aufgerufen, auf „Proselytenmacherei“ (also „Abwerbung“ von den jeweiligen Kirchen) zu verzichten. Das konservative „Dallas Theological Seminary“ veröffentlichte daraufhin eine Antwort, in welcher festgestellt wird: “Die theologischen Unterschiede zwischen Evangelikalen und Katholiken bleiben bedeutsam und dürfen nicht heruntergespielt werden.”

Im April 2002 entstand auch im deutschen Pietismus und Evangelikalismus Unruhe, als die Zeitschrift „Topic“ (4/2002, S. 1 f.) mit der Schlagzeile erschien: „Die stille Spaltung der deutschen Evangelikalen“. Der Artikel weist ebenfalls auf sehr weit gehende Einigungsbemühungen und ökumenische Projekte (z.B. Jahr der Bibel, ProChrist) hin, an denen führende deutsche Evangelikale und Pietisten beteiligt sind. Dies bewegt konservative Evangelikale, sich immer mehr von solchen Initiativen und den dahinter stehenden Werken (z.B. Gnadau, Evangelische Allianz) zurückzuziehen.

4.2. Spaßkultur gegen Ernsthaftigkeit

In dem Buch „Was will der Pietismus?“ aus dem Jahre 2002 führte der Studienleiter am (pietistischen) Albrecht-Bengel-Haus, Tübingen, Volker Gäckle, unter der Überschrift „Fromme Wünsche in veränderter Zeit – Herausforderungen für den Pietismus im 21. Jahrhundert“ Folgendes aus:

„Während die überkommene pietistische Gemeinschaftsstunde ebenso wie die traditionellen Konferenzen sich als überaus formkonservativ zeigen und offensichtlich v.a. die Bedürfnisse älterer Glieder bedienen, erweist sich die pietistische bzw. evangelikale Jugend im Blick auf Gemeinschafts- und Veranstaltungsformen vielfach als sehr innovativ, kreativ und damit auch progressiv. Entsprechend kommt es heute zu dem skurrilen Phänomen, dass junge Pietistinnen ihrem Glauben mit heißem Herzen und glühender Jesusliebe Samstag nachts um 2 Uhr in HipHop-Sprechgesang, Szene-Chargon, mit grellgrün gefärbtem Haar, bauchnabelfrei und mit evangelistischem Anspruch Ausdruck verleihen, während sich ihre Väter und Großväter in der Gemeinschaftsstunde Sonntag mittags um 14 Uhr treffen, um dort dieselben pietistisch-evangelikalen Glaubensinhalte am Brüdertisch zu predigen. Die Töchter schlafen derweil noch aus. ... Es wird für die Zukunft des Pietismus entscheidend sein, diese innovative Kraft nicht zuletzt auch im Bereich der Gemeinschaftsformen wieder zu entdecken.“9

Das missionarische Anliegen in Ehren, aber hier stellt sich die Frage: Was ist das für ein „Christsein“, das „in HipHop-Sprechgesang, Szene-Chargon, mit grellgrün gefärbtem Haar, bauchnabelfrei“ in der Diskothek einen evangelistischen Anspruch verkörpern soll? Ermahnt uns nicht vielmehr die Heilige Schrift in folgender Weise?:

„Von Unzucht aber und jeder Art Unreinheit oder Habsucht soll bei euch nicht einmal die Rede sein, wie es sich für die Heiligen gehört. Auch schandbare und närrische oder lockere Reden stehen euch nicht an, sondern vielmehr Danksagung ... Lebt als Kinder des Lichts! ... Seht sorgfältig darauf, wie ihr euer Leben führt! ... Sauft euch nicht voll Wein, woraus ein unordentliches Wesen folgt ... Ermuntert einander mit Psalmen und Lobgesängen und geistlichen Liedern, singt und spielt dem HERRN in eurem Herzen!“ (aus Eph 5)

Rainer Wagner bringt in seinem Buch „Gemeinde Jesu zwischen Spaltungen und Ökumene“ erschütternde Beispiele für die heutige – endzeitliche! – Verweltlichung bei vielen, die sich „Pietisten“ und „Evangelikale“ nennen, ohne dies noch im Sinne der Heiligen Schrift und der Väter wirklich zu sein. Zunächst weist er auf die schleichende Veränderung hin:

„Vor einigen Jahrzehnten meinten pietistisch geprägte Gemeinden, Musik und Kultur der Welt nutzen zu müssen, um so besser Außenstehende erreichen zu können. Später ging man weiter und hielt weltliche Elemente der Unterhaltungsindustrie auch für die Gestaltung des Gemeindelebens für nötig. Die jüngere Generation sollte so besser angesprochen werden. Heute gleichen viele Glaubenskonferenzen in weiten Teilen der ´Wetten-daß-Show` des Blödelmeisters Thomas Gottschalk. Ja, selbst Tagungen für Pastoren und Prediger verlaufen in ähnlichem Stil. In Mitarbeiterschulungen versucht man, Gemeindeglieder mit Methoden zum Dienst zu motivieren, wie es Unternehmensberater und Motivationstrainer in ihren Seminaren machen."10

Dann wählt Wagner drei Beispiele aus, die leider stellvertretend für viele weitere stehen:

„In der Mitgliederzeitschrift der Pilgermission St. Chrischona, ´Chrischona-Magazin` vom Frühjahr 1998, fragte man die Gemeindeglieder der Chrischonagemeinschaften, ob man christliche Tanzfreizeiten durchführen sollte. 50,6% der Befragten sagten nein und 49,4% antworteten mit ja. Bei den unter 40jährigen sind sogar 82% für derartige christliche Tanzangebote.

Beim bundesweiten Jugendtreffen Christival 1996 in Dresden traten christliche Rock- und Technogruppen auf, so dass teilnehmende junge Christen aus Russland entsetzt waren. Teilnehmer aus dem Memelgebiet äußerten Unverständnis im Blick auf das öffentliche Rauchen, selbst von christlichen Mädchen beim Christival.

Vom 19.-22. April 1999 fand unter dem bezeichnenden Thema ´Auszeit für Hauptamtliche` eine bundesweite Tagung für Prediger und andere hauptamtliche Mitarbeiter des Gnadauer Verbandes statt ... Als Auftakt einer Abendveranstaltung schossen sich zwei als Cowboys verkleidete Prediger auf der Bühne der ´Evangeliumshalle` mit Karnevalspistolen nieder. Zwischendurch trat ein blödelnder Hausmeister, eine Art billige Kopie des Saarländer Kabarettisten Heinz Becker, auf und gab seine Späße zum Besten.“11

Mit Erschütterung stellt Wagner, der selbst Gemeinschaftsprediger ist, fest:

„Das ist der gleiche Verband, in dem ein Pastor Ernst Modersohn (1870-1948) sich fragte, ob es für bekehrte Christen zuträglich ist, Kirchenkonzerte zu besuchen, bei denen nichtbekehrte Künstler geistliche Texte singen ... Der Geist der Oberflächlichkeit und der Weltlichkeit dringt im letzten Abschnitt der Endzeit anscheinend bis in die entschiedensten Kreise der Gläubigen vor und beeinflusst sie.“12

4.3. Stehen wir im Zeitalter des Glaubensabfalls?

Alle Anzeichen weisen darauf hin, dass wir im Zeitalter des Glaubensabfalls stehen (vgl. Mt 24,10-12). Etliche Kennzeichen davon werden im siebten Sendschreiben der Johannesoffenbarung genannt. Es ist gerichtet an die Gemeinde in Laodizäa. Dort heißt es:

„Ich kenne deine Werke, dass du weder kalt noch warm bist. Ach, dass du kalt oder warm wärest! Weil du aber lau bist, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde. Du sprichst: Ich bin reich und habe genug und brauche nichts! Und du weißt nicht, dass du elend und jämmerlich bist, arm, blind und bloß“ (Offb 3,15-17).

Rainer Wagner führt in seinem Werk „Gemeinde Jesu zwischen Spaltungen und Ökumene“ hierzu Folgendes aus:

„Laodizeawesen ist die größte Gefahr für die organisierten Gemeinden der verschiedensten Traditionen, die in der Endzeit bestehen werden. Der große Abfall muss unter diesen wirklichen Christen, die unmittelbar vor Jesu Wiederkunft leben, erfolgen. Nicht Namenschristen, sondern Menschen und Bewegungen, die einst echte Christen waren, sind es, die zu der lauen Pseudogemeinde von Laodizea gehören. Sie sind geistlich so verdorben, dass Jesus sie ausspucken muss ... Die fehlende Abgrenzung gegen Einflüsse der Welt brachte Laodicea die Lauheit. Diese Lauheit ist der Abfall: ´Ihr Abtrünnigen, wisst ihr nicht, dass Freundschaft mit der Welt Feindschaft mit Gott ist? Wer der Welt Freund sein will, der wird Gottes Feind sein` (Jak 4,4).“13

Und bereits im Jahre 1963 richtete Dr. Gertrud Wasserzug-Traeder, die langjährige geistliche Mutter der Bibelschule Beatenberg, angesichts der rasch anwachsenden „Ökumenischen Bewegung“ das folgende warnende Wort an eine endzeitreife Christenheit:

„Wir wissen, dass wir uns mit unserer kritischen Zurückhaltung außerhalb der größten kirchlichen Bewegung unserer Zeit stellen. Wir wissen, dass wir damit den Weg wählen, außerhalb des Lagers zu gehen, um Jesu Schmach zu tragen. Es wird die große Zeit der Verfolgung der wahren Gemeinde Jesu einsetzen durch die Kirche des Abfalls. Wir werden dann als die Ketzer der neuen Zeit der Kirche gebrandmarkt und verfolgt. Wir sehen deutlich, dass die Entwicklung dieser größten kirchlichen Bewegung unserer Zeit hinführen muss zu dem, was der Prophet des Neuen Testaments in der Offenbarung sieht, nämlich eine Kirche des Abfalls, eine Weltmachtkirche. Wir müssen uns bereit machen zu dem größten aller Kämpfe, zu einer Auseinandersetzung innerhalb der christlichen Kirche zwischen Glaube und Unglaube, zwischen Christus und Antichristus, zwischen dem Heiligen Geist und dem falschen Propheten. Lasst uns der Versuchung einer unbiblischen Vereinigung widerstehen, wie Jesus ihr widerstanden hat und lasst uns völlig klar die Bewegung unserer Zeit sehen und beurteilen und Stellung dazu nehmen. Wer Ja zu Jesus und der Einheit der wahren Gemeinde sagt, der muss Nein sagen zu einer organisatorischen Vereinigung von Kirchen, die auf einem menschlichen Fundament aufgebaut ist, die von einem menschlichen Geist durchströmt ist und ein menschliches Ziel hat."14

5. Unfehlbarkeit oder Irrtumslosigkeit?

Der Pietismus und die Bibel

5.1. Wo beginnt Bibelkritik?

Die Bibelfrage ist die entscheidende Frage. Aus dem Verhältnis zur Bibel ergibt sich entweder ein fester, klarer Standpunkt oder aber ein Schwanken und Spekulieren auch auf anderen Gebieten. Das Verhältnis zwischen Pietismus und Bibel war schon bei den "Vätern" nicht immer ganz eindeutig. Manche Fehlentwicklungen lassen sich daraus erklären, dass man das Wort Gottes in Gestalt der Heiligen Schrift nicht ganz ernstnahm und eigenwillig darüber hinausging.

Inzwischen strömte die Flut der Aufklärung mit ihrer historisch-kritischen Methode ("Bibelkritik") über das "christliche Abendland" dahin. Sie hat bei vielen den Glauben weggespült. Aber auch bei solchen, die am christlichen Glauben festhalten wollen, hat sie doch in der Bibelfrage manche Einbrüche und Unklarheiten hervorgebracht.

So tobt auch innerhalb der pietistisch-evangelikalen Bewegung seit vielen Jahren immer wieder ein Kampf um die Bibelfrage, sei es zwischen verschiedenen Seminaren in den USA (z.B. Fuller und Dallas), sei es in der deutschen Gemeinschaftsbewegung der 50er -Jahre (der Gnadauer Präses Walter Michaelis votierte bereits damals gegen die Irrtumslosigkeit der Heiligen Schrift), sei es in den virulent immer vorhandenen, aber seit der Jahrtausendwende mit neuer Schärfe aufgebrochenen Diskussionen über die Unfehlbarkeit und Irrtumslosigkeit der Bibel.

Wo beginnt eigentlich Bibelkritik?

Bibelkritik beginnt nicht erst da – wo die Jungfrauengeburt Jesu Christi, seine Wunder, die sühnende Wirkung seines Todes am Kreuz, seine wirkliche, leibliche Auferstehung von den Toten, seine Himmelfahrt und Wiederkunft in Macht und Herrlichkeit geleugnet, umgedeutet oder relativiert werden oder wo bestritten wird, dass Jesus Christus Gottes Sohn ist.

Bibelkritik beginnt schon da,

- wo biblische Schriften gegen ihren Selbstanspruch in verschiedene "Quellen" aufgeteilt werden;

- wo ihre Entstehung in eine andere Zeit datiert wird, als es die biblischen Schriften selber bezeugen;

- wo ihre Entstehung anderen Verfassern zugeschrieben wird als denen, die in den jeweiligen Schriften genannt sind;

- wo behauptet wird, dass die von Jesus Christus in den Evangelien überlieferten Worte nicht alle von ihm stammen;

- wo die Erfüllung von Prophezeiungen in den biblischen Schriften in andere Zeiträume verlegt wird, als es an den betreffenden Stellen ausdrücklich vermerkt ist;

- wo behauptet wird, die Bibel sei in naturwissenschaftlicher, geographischer und historischer Hinsicht nicht irrtumslos.

Aus solcher angeblich "gemäßigten" Bibelkritik (Kritik an der Entstehung und Einheit der biblischen Schriften) folgt früher oder später die "radikale" Kritik (Kritik an den in der Bibel berichteten Inhalten), da die angeblich "gemäßigte" Kritik dazu beiträgt, die Autorität der Bibel insgesamt zu untergraben und den Glauben an die Inspiration der Bibel durch Gott zu zerstören.

Bibelkritik beruht nämlich darauf,

- dass man – gegen die Selbstaussage der Heiligen Schrift – den Offenbarungscharakter des Wortes Gottes leugnet;

- dass man – gegen die Selbstaussage der Heiligen Schrift – Gottes Wort zum Menschenwort degradiert, das mit denselben Methoden wie andere Menschenworte erforscht werden könne und müsse;

- dass man die atheistischen Voraussetzungen der historisch-kritischen Methode (Kritik, Analogie, Korrelation) an Gottes Wort heranträgt – mit den zwangsläufigen Folgen, z.B. Leugnung oder Relativierung göttlicher Inspiration, göttlicher Wunder und Prophetie.

Wehret den Anfängen! Diese Warnung ist deshalb nötig, weil die "gemäßigte" Kritik unter dem Mantel einer angeblichen "Wissenschaftlichkeit" (in Wirklichkeit: Uninformiertheit über die neuesten Forschungen) leider nach und nach auch in den evangelikalen Bereich eindringt, z.B. in einzelne Seminare, die einstmals "bibeltreu" (in Abwehr der oben beschriebenen Denkweisen) waren – ein endzeitlicher Vorgang!

5.2. Der Kernpunkt der Diskussion über Bibeltreue unter Pietisten

Im evangelikalen Bereich ist der Streit um die Bibel neu entflammt. Kurz zusammengefasst geht es um die Frage: Ist die Bibel nur auf dem Gebiet des christlichen Glaubens und Lebens absolut zuverlässig (Unfehlbarkeit – engl. infallibility) – oder ist sie auch in historischen, geographischen und naturwissenschaftlichen Fragen (z.B. Sechs-Tage-Schöpfung, Sintflut, einheitliche Verfasserschaft der fünf Mosebücher, der Propheten Jesaja, Sacharja u.a.) Gottes absolut zutreffendes Wort (Irrtumslosigkeit – engl. inerrancy)?

Während die Unfehlbarkeit der Bibel in Glaubens- und Lebensfragen unter Evangelikalen weithin unstrittig ist, wird die Diskussion über die Irrtumslosigkeit auf historischem, geographischem und naturwissenschaftlichem Gebiet zum Teil heftig geführt. Das große Problem dabei ist die Vermischung und philosophische Übertünchung der Begriffe. So wird von Verfassern, die die Irrtumslosigkeit der Heiligen Schrift auf naturwissenschaftlichem, historischem und geographischem Gebiet ablehnen oder zumindest hinterfragen, trotzdem die Bezeichnung "bibeltreu" in Anspruch genommen. Und so wird von Seminaren, die sich der historisch-kritischen Theologie geöffnet haben, sogar behauptet, sie seien "an Bibeltreue nicht zu überbieten" (so etwa H. Hempelmann von Liebenzell).

So definiert z.B. das Glaubensbekenntnis der Deutschen Evangelischen Allianz „Bibeltreue“ nur im Hinblick auf Glaubens- und Lebensfragen, also auf Unfehlbarkeit. Aber die Bibeltreue in naturwissenschaftlichen, historischen und geographischen Fragen (Irrtumslosigkeit) kommt nicht zur Sprache. Das gleiche Problem liegt der Diskussion mit CTL zugrunde, die ich in meinem Buch „Pietismus wohin?“ ausführlich dokumentiert habe.15

5.3. Warnung auch vor „gemäßigter“ Bibelkritik

Bereits in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts – kurz vor seinem Heimgang – warnte Friedrich Heitmüller, der frühere Vizepräses des Gnadauer Verbandes, eindringlich vor der gemäßigten Bibelkritik. Ihm soll in dieser Diskussion das letzte Wort gehören. Heitmüller schreibt:

„Wir stehen vor dem Tatbestand, dass auch im Raum des Pietismus die ´gemäßigte` Bibelkritik ihren Eingang gehalten hat. Seit einiger Zeit wird auch hin und her in Predigerseminaren Bibelkritik getrieben, wenn auch nicht mit dem ehrfurchtslosen gott- und christusfeindlichen Radikalismus Bultmanns und seiner Schüler, so doch in der Verneinung der Inspiration der Bibel durch den Heiligen Geist und in der Bejahung der Notwendigkeit einer ´zweifachen Buchführung`, das heißt, einer Unterscheidung zwischen zuverlässigen heilsgeschichtlichen Wahrheiten und unzuverlässigen, sich widersprechenden profangeschichtlichen (= naturkundlichen, geschichtlichen) und sonstigen Aussagen. Auch die ´gemäßigte` Bibelkritik spricht von ´Irrtümern` und ´Widersprüchen`, die nun einmal zur ´Knechtsgestalt` der Bibel gehören sollen, und sie machen uns den Vorwurf, dass die Bibel für uns ein ´papierener Papst` sei, und dass wir das Wort des Apostels Paulus: ´Der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig` (2. Kor. 3, 6), offenbar nicht kennten. Sie wissen nicht, dass Paulus mit dem ´Buchstaben` nicht den Text des Alten und Neuen Testamentes, sondern das alttestamentliche Gesetz vom Sinai meint.“16

6. Wohin geht der Pietismus?

Ein Ausblick oder: Neue Pia Desideria

Am Anfang stellten wir die Frage: Wo steht der Pietismus? Und wir erkannten: Der Pietismus befindet sich in einer Krise. Es ist eine Krise des Glaubens und des Lebens, die sich bei vielen seiner Vertreter in einer Anpassung an den Zeitgeist und an eine dem Zeitgeist verfallene Kirche offenbart. Die Wurzel dieser Erscheinungen liegt in einem unklaren Verhältnis zur Heiligen Schrift.

Wohin geht der Pietismus? Diese Frage stellt sich am Ende dieser Ausführungen in aller Dringlichkeit. Es gibt nur zwei Möglichkeiten:

Entweder: Der Pietismus geht weiter auf dem eingeschlagenen Weg. Dann verliert er mehr und mehr seine geistliche Vollmacht und wird mit der Endzeitkirche und –Gesellschaft eins, die auf das Kommen des Antichristen und seines falschen Propheten zusteuert. Dieser Weg ist der breite Weg der großen Masse, der ins Verderben führt (Mt 7,13). Je mehr der Pietismus sich dem Denken und Geschmack der „Masse“ anpasst, umso mehr wird er von dieser vereinnahmt und in seiner prophetischen Beauftragung gelähmt werden. Umso mehr verliert er seine Kraft, „Salz der Erde“ und „Licht der Welt“ zu sein (Mt 5,13 ff.). Umso mehr wird er „lau“ werden – und der HERR wird ihn – wie die Gemeinde von Laodizäa – „ausspucken“ aus seinem Munde (Offb 3,16).

Oder: Der Pietismus kehrt um. Er nimmt die Heilige Schrift und das Erbe der Väter ernst, die in ihrer Zeit die Menschen aus einer oberflächlich gewordenen Orthodoxie zu einer Vertiefung ihres Glaubenslebens riefen. Dies wird sicherlich nicht der Weg der Mehrheit – auch nicht innerhalb des Pietismus – sein, aber es ist der schmale Weg (Mt 7,14) der kleinen Schar, der in der Endzeit eine besondere Verheißung hat: „Fürchte dich nicht, du kleine Herde! Denn es hat eurem Vater wohlgefallen, euch das Reich zu geben“ (Lk 12,32).

Wie kann diese Umkehr aussehen? In Anknüpfung an Philipp Jakob Speners programmatische Schrift nenne ich sieben „fromme Wünsche“ (lat.: „Pia Desideria“) an den Pietismus (also nicht: des Pietismus).17 Unter die Adressaten reihe ich mich ausdrücklich ein, denn ich weiß sehr gut um meine eigene Unvollkommenheit.

Dr. Lothar Gassmann

 


Fig.1 kopiert aus http://www.uni-leipzig.de/~agintern/uni600/ug135.htm 

1 Bei der folgenden Darstellung handelt es sich um Auszüge aus meinem Buch „Pietismus – wohin? Neubesinnung in der Krise der Kirche“ (Wuppertal, 1. Aufl. 2004). Dort finden sich ausführlichere Begründungen und Belege für Themen, die hier nur angeschnitten werden können.

2 Darauf bin ich ausführlicher in meinem Buch „Pietismus – wohin?“, S. 14-40, eingegangen.

3 Zit. nach: Kirchen- und Theologiegeschichte in Quellen, IV/1, S. 74 ff.

4 Austrittsbrief von Willi Quast; zit. nach: Idea-Dokumentation Nr. 16/93, S. 19.

5 Brief von C. Morgner an W. Quast vom 22. Juni 1993; zit. nach Idea-Dokumentation Nr. 16/1993, S. 20 ff.

6 Vereinbarung der Evangelischen Landeskirche in Baden mit dem Evangelischen Verein für innere Mission Augsburgischen Bekenntnisses e.V., dem Chrischona-Gemeinschaftswerk und dem Südwestdeutschen Gemeinschaftsverband vom 31.10.1991.

7 Volker Heckl, Jahresbericht der EG, 1993, S. 12.

8 Morgner, Präsesbericht 1996, S. 18.

9 H. Schmid (Hg.), Was will der Pietismus?, Tübingen/Holzgerlingen 2002, S. 202 f.

10 R. Wagner, Gemeinde Jesu zwischen Spaltungen und Ökumene, Wuppertal 2002, S. 107.

11  Ebd., S. 107 f.

12  Ebd., S. 108.

13  Ebd., S. 105 f.

14  G. Wasserzug-Traeder, Ein ernstes Wort zur ökumenischen Bewegung, Beatenberg 1963.

15 Siehe dort die auf den Seiten 126-155 aufgeführten Ereignisse und Belege.

16 F. Heitmüller, Warnung auch vor „gemäßigter“ Bibelkritik (1963), in: H. Jochums (Hg.), Die Bibel ist Gottes Wort, Wuppertal 2000, S. 75 ff.

17  “Neue Pia Desideria” wurden in der letzten Zeit mehrfach formuliert, freilich mit unterschiedlicher Zielrichtung (so z.B. von H. Bräumer, Pietismus 2000, Holzgerlingen 1999; V. Gäckle, in: Schmid 2002, S. 189-218).

18 Pia Desideria (1675), Ausgabe 1964, S. 58.

19 Pia Desideria, S. 41.

20 Pia Desideria, S. 32.

21 Pia Desideria, S. 33.