Die Aufweichung des christlichen Glaubens wird insbesondere auf zwei Gebieten deutlich: an der Preisgabe der g�ttlichen Ordnungen und an dem Erkalten der Liebe. Im griechischen Urtext von Matth�us 24,12 finden sich die Begriffe "anomia" (= Gesetzlosigkeit, Ungerechtigkeit) und "agape" (= die g�ttlich gewirkte, geistliche Liebe, mit der wir Gott und den N�chsten wieder lieben k�nnen). Das �berhandnehmen der Gesetzlosigkeit und das Erkalten der Liebe stehen in einem unmittelbaren Zusammenhang miteinander.
Das �berrascht, denn viele meinen, wo das Gesetz aufh�re, komme die Liebe erst zum Bl�hen. Man beruft sich dabei noch auf die Bibel und argumentiert ungef�hr so: In 1. Johannes 4,16 steht:
"Gott ist die Liebe."
Christus ist Gottes Sohn und damit ebenfalls Liebe. Nun steht in R�mer 10,4:
"Christus ist des Gesetzes Ende."
Also hebt die Liebe das Gesetz auf. Hinter solchen Vorstellungen steht jedoch ein falscher Gesetzes und Liebesbegriff. Gesetz und Liebe sind n�mlich keine Gegens�tze, wo sie in den Glauben eingebunden sind. Nur wo sich das Gesetz verselbst�ndigt und unabh�ngig vom rettenden Glauben an Jesus zum Heilsweg werden m�chte, wo man also das Heil von den eigenen guten Werken erwartet da betr�gt sich der Mensch selbst und gelangt nicht zur Erl�sung (R�m 3,27 f.).
Hingegen haben die Gebote Gottes und die guten Werke sehr wohl ihren Platz im Leben des glaubenden, erl�sten Christen. Gute Werke sind nicht Mittel zur Selbsterl�sung von diesem Leistungsdruck ist der Christ befreit. Nein, sie sind Fr�chte der am Kreuz bereits vollbrachten und im Glauben angenommenen Erl�sung, die wie an einem Obstbaum automatisch wachsen und aus Liebe (Agape) und Dankbarkeit zu Gott getan werden.
Es ist daher eine verh�ngnisvolle Verf�lschung der biblischen Botschaft, wenn die g�ttliche Agape-Liebe zu einer sentimentalen Allerweltsliebe oder gar einer religionsvermischenden Weltverbr�derungsliebe umgedeutet und damit geradezu in ihr Gegenteil verkehrt wird. Nein, die g�ttlich gewirkte Liebe dankt Gott f�r das Geschenk der Erl�sung und h�lt seine Gebote. Liebe und Gehorsam gegen�ber Gottes Ordnungen sind untrennbar. In den guten Werken wird die Liebe konkret:
"Die Liebe tut dem N�chsten nichts B�ses. So ist nun die Liebe die Erf�llung des Gesetzes" (R�m 13,10).
"Das ist die Liebe zu Gott, dass wir seine Gebote halten; und seine Gebote sind nicht schwer" (1. Joh 5,3; vgl. auch Gal 5,6; Hebr 10,24; Jak 2,17).
Man kann sozusagen auf zwei Seiten vom Pferd fallen: Auf der einen Seite droht die Gesetzlichkeit, die das Heil von ihren guten Werken, von der Beachtung selbstauferlegter Normen und "Zusatzevangelien" abh�ngig macht und die Erl�sungstat Jesu durch Menschensatzungen zudeckt (vergleiche Gal 1,6; Kol 2,16 23). Auf der anderen Seite droht die Gesetzlosigkeit, die alle Ordnungen und Gebote Gottes �ber Bord wirft, welche ihr nicht gefallen, und ausruft:
"Alles ist erlaubt!" (1. Kor 10,23).
Beides kommt seit der neutestamentlichen Zeit bis heute in christlichen Gemeinden vor und beides ist falsch. Es gilt demgegen�ber, das Gleichgewicht zu bewahren und sich nicht auf einer Seite vom Pferd ziehen zu lassen. Und das gelingt nur, wenn man das Zentrum des Glaubens vor Augen beh�lt: Jesus Christus und sein rettendes S�hneopfer am Kreuz, aus dem Segen und Heil f�r den Glaubenden und durch diesen hindurch auch f�r die Welt fliessen.
Nun kommt offensichtlich die massivere Gefahr in der Endzeit von der Gesetzlosigkeit, sonst w�rde Jesus nicht so betont vor ihr warnen. In die Gesetzlosigkeit n�mlich m�chte uns die ganze Welt mit ihren Verf�hrungen hineinziehen. Auch die Welt gebraucht das Wort "Liebe" aber nicht im biblischen Sinn, sondern in einer zutiefst verflachten und gef�hrlichen Bedeutung: Liebe als Toleranz, Duldung von allem und jedem, hemmungslose Freiheit, totaler Pluralismus. Wo solche "Liebe" herrscht, zieht sich die g�ttliche Liebe zur�ck; sie "erkaltet". "Die Liebe erkaltet dann, wenn sie sich von der Bindung an Gottes Gebote emanzipiert", schreibt zu Recht Gerhard Maier. Gesetzlosigkeit bedeutet, dass das Evangelium "vom Gesetz Gottes gel�st und damit zur flachen, billigen Gnade (wird), die unter dem schwammigen Begriff �Freiheit` alles erlaubt ... Die Gesetzlosigkeit wird sich oft im Bereich der Sexualit�t und Ehe auswirken ... Sie f�hrt weithin zu einer L�sung menschlicher und glaubensm�ssiger Bande in der Familie und in der Gemeinde. Sie zerst�rt Vertrauen, Zuverl�ssig-keit, Demut, Pflicht, Hingabe und Gehorsam ... Der Begriff �erkalten` spiegelt den Sieg des eiskalten Egoismus und der hohlen Phrasen."
Anders ausgedr�ckt:
Das Lustprinzip auch in christlichen Gemeinden verdr�ngt Gottes Gebote sowie die Liebe zu Gott und den Menschen. Alles dreht sich nur noch um das Selbst. Selbstbestimmung, Selbstverwirklichung und Selbstliebe werden zu Schl�sselbegriffen. Die Kehrseite der Selbstbezogenheit jedoch ist Isolation und Vereinsamung. "Keiner k�mmert sich um mich" dieser Hilferuf ert�nt auch in christlichen Gemeinden immer lauter. Ich f�rchte, dass die rapide Zunahme seelischer Krankheiten und auch von Trennungen und Scheidungen in den letzten Jahrzehnten bereits mit diesem "Erkalten der Liebe" zusammenh�ngt, von dem Jesus spricht.
Doch zum Gl�ck ist das Bild nicht einheitlich d�ster. Die Liebe wird zwar in "vielen", aber nicht in allen erkalten (Mt 24,12). Es wird immer wieder selbstlose Gottesboten gewissermassen "Engel in Menschengestalt" geben, die uneigenn�tzig dem N�chsten dienen. Sie werden Jesus die Treue halten. Und ihnen gilt die Verheissung:
"Wer beharrt bis ans Ende, der wird selig" (Mt 24,13).
Lothar Gassmann
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1. Kleines Sekten-Handbuch
2. Kleines Kirchen-Handbuch
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5. Kleines Katholizismus-Handbuch
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7. Kleines Zeugen Jehovas-Handbuch
8. Kleines Ideologien-Handbuch
9. Kleines Esoterik-Handbuch
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