Hedonismus

Klick auf den Kompass öffnet den IndexDer Begriff "Hedonismus" umfa�t verschiedene ethische Lehren, die im Empfinden von Lust (griech. hedon�) den letzten Grund des sittlichen Handelns sehen.

Verfolgt man die Entwicklung des Hedonismus in der Religions- und Philosophiegeschichte, so f�llt auf, dass er fast immer mit einem krassen Materialismus gepaart ist. Das Fehlen einer transzendenten Wirklichkeit f�hrt zum �bersteigerten Betrachten und Genie�en des Immanenten. Wo die Bindung an ein Jenseits fehlt, geht der Mensch im Diesseits auf.

Schon das uralte nicht-orthodoxe indische System der Charvakas beruht auf der Voraussetzung, dass die Materie das allein Existierende ist. Weil alle Metaphysik abgelehnt wird, bleibt als h�chstes und einziges Ziel die Sinnenlust.

Die wichtigsten Vertreter des Hedonismus in der griechischen Antike sind Aristipp, Hegesios von Kyrene und Epikur; ihre Nachfolger bei den R�mern sind Lucrez und Horaz. Epikur (341-270) klammert � von Demokrits Atomlehre herkommend � jeden Einfluss von �berirdischen M�chten auf Welt und Mensch aus. Er will den Menschen von G�tterfurcht befreien und ihn so zu vollem Genuss des irdischen Lebens bef�higen � allerdings nicht in z�gelloser Triebbefriedigung, die Schmerz zur Folge haben kann, sondern in vernunftgesteuerter Gewinnung von Lust und Vermeidung von Unlust.

Unter der �bermacht des transzendenzbezogenen Christentums und der Stoa f�hrte der Hedonismus lange Zeit ein k�mmerliches Dasein, bis er in Form des Materialismus der >Aufkl�rer, der Darwinisten (Evolutionismus) und der Marxisten (Kommunismus) einen neuen N�hrboden fand. (Der Utilitarismus von Bentham und Mill im 19. Jahrhundert allerdings ist noch kein ausgesprochener Hedonismus. Er betrachtet zwar Lustgewinn als Ziel menschlichen Strebens, aber eben Lustgewinn im Sinn von gr��tm�glichem Gl�ck f�r die gr��tm�gliche Zahl von Menschen, was dem egozentrischen Charakter des Hedonismus widerspricht.)

Der Marxismus sieht geistige Erscheinungen und Werte nur als �berbau �konomischer Vorg�nge an und gesteht ihnen keine Eigenbedeutung zu. Religion ist Opium f�r das Volk. Demnach bleibt nur das Leben hier und jetzt, und es gilt, ein diesseitiges Paradies zu schaffen, in dem jeder � eingebettet in das gesellschaftliche Kollektiv der Klasse (die sich nur unter Vernichtung der anderen Klassen konstituieren kann) � ein H�chstma� von Gl�ck erfahren kann. Hier wird der "kapitalistische" individuelle Egoismus auf einen Klassen- oder Gruppenegoismus ausgedehnt, was deutlich macht, dass es sich auch hier um Hedonismus handelt. In neuerer Zeit gehen >neomarxistische Denker wie Hedonismus Marcuse und W. Reich noch weiter und fordern als Voraussetzung f�r "Gl�ck" und "befriedetes Dasein" (Marcuse) die totale Befreiung der Triebe, insbesondere des Sexualtriebs.

Kritik:

Alle Hedonisten sind zu fragen:

Was ist Lust? Was ist Gl�ck? Gibt es nicht noch etwas Gr��eres, von dem her Gl�ck erst definiert werden kann, n�mlich Heil? Heil im biblischen Sinn (hehr. schalom, griech. eirene) meint Ganz-Sein, im Einklang stehen, Frieden haben mit Gott und den Menschen. Heil beinhaltet somit die Dimension �ber mir (Gott) und neben mir (die Mitmenschen). Heil ist nicht egozentrisch, sondern theo- und altrozentrisch bestimmt. In diesem Rahmen finde ich auch Gl�ck, aber eben im Bezogensein auf Gott um Gottes willen und den N�chsten um des N�chsten willen, nicht im Kreisen um mich selber. Gl�ck finde ich, wenn ich von mir wegsehe und hinsehe auf Gott und den N�chsten. Dann kann ich mich freuen mit den Fr�hlichen und weinen mit den Weinenden (R�m 12,15) � und beides ist Gl�ck. Dann kann ich Gott danken, dass er mich erl�st hat, dann kann ich ihm danken, wenn er mir Lasten auferlegt � und beides ist Gl�ck. Denn Jesus hat mein Kreuz zuerst getragen und meine Last ein f�r allemal abgetragen:

"Will mir jemand nachfolgen, der verleugne (!) sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir. Denn wer sein Leben erhalten will, der wird's verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird's finden" (Mt 16,24 f.).

Und weiter die Frage, die an alle Hedonisten gerichtet sein k�nnte:

"Was w�rde es dem Menschen helfen, wenn er die ganze Welt (mit all ihrer Lust, ihrem Gl�ck; d. Verf.) gew�nne und doch Schaden n�hme an seiner Seele?" (Mt 16,26).

Gibt es eine deutlichere Absage insbesondere an den hedonistischen Materialisten? Gibt es Gl�ck � wahres, dauerhaftes Gl�ck � ohne Blick auf Gott?

Schlie�lich ist festzustellen: Der Hedonismus geht von einem naiven Utopismus aus.

Gewiss ist es zu begr��en, wenn es dem Menschen m�glichst gut geht. Gewiss soll jeder so gl�cklich sein, wie er kann. Aber in Wirklichkeit l�sst sich das kaum erreichen. Im Gegenteil: Der Mensch, der st�ndig auf der Gl�ckssuche ist, wird um so ungl�cklicher, wenn er das erstrebte Ziel nicht erreicht. Der Hedonist �bersieht gern, dass Gl�ck und Leid sich wie zwei Pole verhalten, von denen keiner fehlen kann. Leid ist eine menschliche Grunderfahrung, die niemals ausbleiben wird. Das Paradies auf Erden wird nie entstehen. Die realistischste Sicht unter den Hedonisten hatte noch Epikur. Er begegnete in Gelassenheit dem Leid und der Unlust und suchte durch seine innere Geisteshaltung, auch daraus Lust zu gewinnen. Leid beginnt schon da, wo der Mensch mit seinem Gl�cksstreben an die Grenze des Mitmenschen st��t. Je mehr einer nach seinem eigenen Gl�ck strebt, desto mehr Widerstand wird er beim anderen erfahren. Weitere Grenzen liegen in den eigenen schwachen Kr�ften und Mitteln sowie in den von Gott jedem Menschen gesetzten Schranken. Wer den Menschen alles verspricht, f�hrt sie in tiefstes Ungl�ck hinein, wenn die Erwartungen die M�glichkeiten �bersteigen.

Lothar Gassmann


Index

Etliche Texte sind auch in gedruckter Form erschienen in verschiedenen Handb�chern (je 144-200 Seiten, je 9,80 Euro):

1. Kleines Sekten-Handbuch
2. Kleines Kirchen-Handbuch
3. Kleines �kumene-Handbuch
4. Kleines Endzeit-Handbuch
5. Kleines Katholizismus-Handbuch
6. Kleines Anthroposophie-Handbuch
7. Kleines Zeugen Jehovas-Handbuch
8. Kleines Ideologien-Handbuch
9. Kleines Esoterik-Handbuch
10. Kleines Theologie-Handbuch

Weitere Handb�cher (�ber Theologie, Esoterik, u.a.) sind geplant. Informationen bei www.l-gassmann.de