Vorentr�ckungslehre

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Vorentr�ckungslehre (Pr�tribulationismus) besagt, dass die Gemeinde nicht in die siebenj�hrige antichristliche Tr�bsalszeit hineingehen muss, sondern vorher entr�ckt wird (Entr�ckung). Es gibt sehr viele Vertreter dieser Lehre im evangelikalen Bereich, wo sie inzwischen fast zur klassischen Position geworden ist. In der Regel wird sie mit der Lehre von abgegrenzten Heilszeit-Epochen (Dispensationen) verbunden. John Nelson Darby war derjenige, der diese Lehre seit dem Jahre 1830 am st�rksten ausformuliert hat. Sie kam allerdings � darauf weisen Vertreter des Dispensationalismus hin � zumindest ansatzweise auch schon vor Darby in der Kirchengeschichte vor, z.B. bei Ephraem dem Syrer bereits im 4. Jahrhundert nach Christus. Ephraem schreibt:

"Denn alle Heiligen und Auserw�hlten Gottes werden gesammelt, vor der Drangsal, die kommen muss, und werden zum Herrn weggenommen, damit sie nicht die Verwirrung erleben, die wegen unserer S�nde die Welt �berw�ltigen wird" (zit. nach: Grant R. Jeffrey, Die Kirche des fr�hen Mittelalters und die Entr�ckung vor der Tr�bsal; in: Wenn die Posaune erschallt. Zur Kl�rung der Kontroverse �ber Endzeitfragen, hg. v. Thomas Ice / Timothy Demy, 2000, 118).

Die Vorentr�ckungslehre hat seit dem 19. Jahrhundert durch die Niagara-Konferenzen, auch durch C. I. Scofield und seine Bibel-Kommentierung (Scofield-Bibel), weite Verbreitung erfahren. Der klassische Dispensationalismus vertritt die Vorstellung, dass die Gemeinde vor der Tr�bsalszeit entr�ckt wird und dass dann praktisch nur noch Israel eine besondere Rolle in Tr�bsalszeit und Tausendj�hrigem Reich spielt. Die Gemeinde hingegen befindet sich zu diesem Zeitpunkt bereits im Himmel.

Die Hauptstelle f�r die Vorentr�ckung aus darbystisch-dispensationalistischer Sicht (neben Offb 3,10; 5,8-10 u.a.) ist 2. Thess 2. In dem ganzen Kapitel geht es darum, dass Christus nicht wiederkommt, bevor der Abfall vom Glauben geschieht und der Mensch der S�nde oder der Gesetzlosigkeit (griech. anomia), der Sohn des Verderbens auftritt, der klassisch auf den Antichristen gedeutet wird, als H�hepunkt und Ausreifung des B�sen. Dieser setzt sich in den Tempel, gibt vor, er sei Gott und erhebt sich "�ber alles, was Gott und Gottesdienst heisst". (Der Tempel wird manchmal auf die Gemeinde gedeutet oder auch auf den israelitischen Tempel � beides ist m�glich, je nach allegorischer oder w�rtlicher Deutungsmethode).

In 2. Thess 2,7 f. heisst es:

"Denn es regt sich bereits das Geheimnis des Frevels, nur dass, der es jetzt aufh�lt, erst muss hinweggetan werden; und alsdann wird der Frevler offenbart werden, welchen der Herr Jesus umbringen wird mit dem Hauch seines Mundes und wird ihm ein Ende machen durch seine Erscheinung, wenn er kommt."

Das Geheimnis des Frevels ist sicherlich das Ausreifen des B�sen in der Zuspitzung der Person des Antichristen. Aber wer oder was ist es, "der es aufh�lt" (griech. "ho katechon" oder "to katechon")? Hier gibt es die unterschiedlichsten Interpretationen und keine eindeutige L�sung. Ich nenne die gel�ufigsten:

1. Manche meinen, es sei die menschliche Obrigkeit , die durch das Gesetz (griech. nomos) das B�se eind�mmt. � Aber diese menschliche Obrigkeit wird immer existieren, auch in der Tr�bsalszeit � sie kann es also nicht sein. Auch w�re diese irdische Deutung nicht der geistlichen Dimension des Frevels, dem antichristlichen Ausma� entsprechend.

2. Eine weitere Ansicht lautet, dass Satan selber der Aufhaltende sei, dass er selber das Ausreifen des B�sen zur�ckhalte. Aber da m�ssen wir an Markus 3,25 denken:

"Und wenn ein Haus mit sich selbst uneins wird, kann es nicht bestehen."

Der Satan kann sich selber nicht als Aufhaltender entgegenstehen, sondern es muss etwas Positives sein, was das Kommen seines antichristlichen Gesandten aufh�lt.

3. Eine weitere Deutung lautet, dass das Aufhaltende die Gemeinde sei.
wird von pr�millennialistischer und vor allem dispensationalistischer Seite gesagt, dass es nicht die Gemeinde an sich sei, sondern der Heilige Geist in der Gemeinde . Der Heilige Geist sei das, was das Geheimnis der Gesetzlosigkeit noch aufhalte. Solange er vorhanden sei, k�nne die Tr�bsalszeit mit dem Antichristen nicht ihre Ausreifung erfahren, sondern erst dann, wenn die Gl�ubigen, in denen der Heilige Geist wohne, hinweggenommen sein w�rden, werde sich diese b�se Macht in voller St�rke ausbreiten und entfalten k�nnen. Hier kommt als erg�nzendes Argument hinzu, dass der Aufhaltende eine Person sein m�sse, weil der Mensch des Verderbens auch eine Person sei, und dass deshalb die Person des Heiligen Geistes als in den Gl�ubigen vorhandene Realit�t das Aufhaltende darstelle. � Diese Erkl�rung klingt sehr plausibel, doch gibt er hier einige Schwachpunkte. Es ist vor allem so � und das wird auch von Dispensationalisten erkannt � dass der Heilige Geist nach biblischer Aussage ja auch noch nach der Entr�ckung der Gemeinde auf Erden vorhanden ist. Deshalb wird gesagt, dass der Heilige Geist seine Arbeit wenigstens zum Teil auf Erden fortf�hren werde, auch wenn er hinweggenommen sei. Im Grunde findet sich hier aber ein Widerspruch, und deshalb versucht man, so zu argumentieren: Der Heilige Geist wird nur im Blick auf seine spezielle T�tigkeit der Gemeinde-Ausbreitung hinweggenommen, aber es wird doch immer wieder Erweckungen geben, auch unter der Herrschaft des Antichristen. Damit will man auch die Bibelstellen erkl�ren, die bezeugen, dass in der Tr�bsalszeit noch Gl�ubige vorhanden sind (z.B. in Mt 24 parr. und Offb 6 ff.). Hier handele es sich um "Neubekehrungen", wodurch der Heilige Geist in gewissem Sinne weiterwirke. Aber man merkt: Hier liegt ein schwacher Punkt in der Argumentation. Entweder ist das Aufhaltende hinweggetan oder es ist dann doch noch (oder wieder) vorhanden!

4. Daher tendiere ich am ehesten zur Deutung, dass es sich beim "Aufhaltenden" um Engel handelt, die auch an anderen Stellen - zum Beispiel fast durchgehend in der Johannesoffenbarung � mit dem "Zur�ckhalten" oder "Loslassen" von Gerichten in Verbindung gebracht werden. Marvin Rosenthal weist in seiner Kritik der Vorentr�ckungslehre auf die M�glichkeit der Engel, insbesondere des Erzengels Michael, als des "Aufhaltenden" hin. Er nennt als Beleg u.a. folgende Bibelstellen:

"der Erzengel Michael mit dem Teufel rechtete und �ber den Leichnam des Moses stritt". 

"dass der Streit, den Michael, der W�chter Israels, mit dem Satan �ber den Leichnam des Moses hatte, den genauen Zeitpunkt der Grossen Tr�bsal bezeichnet und die Situation beschreibt, in der der Aufhaltende zur Seite tritt" (M. Rosenthal, Was glauben Sie �ber die Wiederkunft Christi?, 1994, 297ff.).
 

Von Vertretern der Vorentr�ckungslehre wird argumentiert, dass in der Johannes-Apokalypse die Gemeinde in den Kapiteln 4-18 nicht vorkomme, die von den Gerichten handeln, also von der Tr�bsalszeit. Die Gemeinde erscheine erst wieder in Kapitel 19 der Offenbarung. � Allerdings ist auch das nicht zwingend, denn es ist in den Kapiteln 4-19 immer wieder von "Heiligen", von "�berwindern" die Rede, die durchaus die Gemeinde repr�sentieren k�nnen. Der Gesamtkontext der Bibel macht ferner deutlich, dass die Gemeinde nicht jedem Gericht entrinnen wird. Das w�rde auch der bisherigen Kirchengeschichte nicht entsprechen. Es gab auch in der Urchristenheit Verfolgungen und die ganze Kirchengeschichte hindurch. Warum sollte das gerade am Ende ganz anders sein?

Matth�us 24 schlie�lich ist das Kapitel, welches mich pers�nlich am meisten fragend macht gegen�ber dem Pr�tribulationismus. Hier werden ganz ausf�hrlich die Zeichen der Endzeit geschildert. Ich finde es sehr verk�rzend, wenn manche Autoren ("Ultra-Dispensationalisten") Mt 24 parr. nur auf Israel beziehen. Sicherlich nimmt Israel hier eine gro�e Stelle ein, etwa in Bezug auf den "Gr�uel der Verw�stung", der an heiliger St�tte steht. Aber die Zeichen und Wehen laufen viergleisig: die Gemeindelinie, die Israellinie, die Missionslinie und die Gerichtslinie. Die Gemeinde wird in Mt 24 durch den Begriff der "Auserw�hlten" charakterisiert. Es wird etwa gesagt, dass die Tage der Tr�bsal um der Auserw�hlten willen verk�rzt werden (Mt 24,22). Von pr�tribulationistischer Seite wird das so gedeutet, dass die "Auserw�hlten", die hier genannt werden, diejenigen seien, die sich w�hrend der Tr�bsalszeit bekehren w�rden, dass also neue Gemeinden entstehen, nachdem die Leibesgemeinde schon hinweggenommen ist (s.o.). Allerdings halte ich das f�r eine Hilfskonstruktion, weil ein Bruch in dieser Hinsicht in Mt 24 nicht erkennbar ist, sondern es ist einfach von den "Auserw�hlten" die Rede. Es wird nicht gesagt, dass es spezielle Auserw�hlte sind, die sich dann erst bekehren w�rden. Ferner w�re es seltsam, wenn dieses ganze Kapitel gar keinen Bezug zu uns heute sowie zur gesamten Kirchenge-schichte h�tte, wo doch immer wieder Verfolgungen, Bedr�ngnisse, falsche Christusse und falsche Propheten aufgetreten sind und die Weltmission Erfolge erzielt hat. Ich denke, dass sich solche Entwicklungen lange anbahnen und am Ende zuspitzen (Zeichen der Zeit).

Es gibt allerdings ein Hauptargument des Pr�tribulationismus, das ich noch nennen m�chte: Es ist der Appell Jesu, dass wir allezeit wachsam sein sollten, weil er zu jeder Minute wiederkommen kann (vgl. Mt 24,42 ff. 25,1 ff.). Dies k�nnte darauf hindeuten, dass Jesus wiederkommt, bevor der Antichrist sichtbar und f�r alle erkennbar auftritt, weil wir ja allezeit wachsam sein sollen. Denn man k�nnte ja argumentieren: Wenn es so deutlich ist, dass der Antichrist da ist, dann ist ohnehin die Situation klar, dann muss man nicht allezeit wachsam sein. � Aber auch das ist nicht so eindeutig, denn der Antichrist wird sich ja zun�chst tarnen, er wird zun�chst ein Reich mit Sicherheit und Frieden errichten und es wird eine immer engere Vernetzung geben. Manche werden es vielleicht merken, viele aber auch noch nicht, d. h. die Entr�ckung k�nnte auch erfolgen, wenn der Antichrist schon da ist, wenn seine Siebenjahresherrschaft begonnen hat, weil ihn am Anfang noch nicht alle erkennen werden, vielleicht sogar nur wenige. Also ist dieses Argument letztendlich auch nicht hundertprozentig �berzeugend. So kann also die Entr�ckung durchaus in die Tr�bsalszeit hinein verlegt werden.

S. auch: Entr�ckung; Nachentr�ckungslehre; Pre-Wrath-Rapture; Teilentr�ckung; Eschatologie.

Lit.: L. Gassmann, Was kommen wird. Eschatologie im 3. Jahrtausend, 2002, 147-159

Lothar Gassmann


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1. Kleines Sekten-Handbuch
2. Kleines Kirchen-Handbuch
3. Kleines �kumene-Handbuch
4. Kleines Endzeit-Handbuch
5. Kleines Katholizismus-Handbuch
6. Kleines Anthroposophie-Handbuch
7. Kleines Zeugen Jehovas-Handbuch
8. Kleines Ideologien-Handbuch
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