Begr�nder der Wachtturm-Gesellschaft (seit 1931: Zeugen Jehovas). R.s Hauptwerk waren die unter der Bezeichnung "Schriftstudien" (bis 1904: "Millennial Dawn" - "Millennium-Tagesanbruch") bekannt gewordenen sechs B�cher mit den programmatischen Titeln: "Der (g�ttliche) Plan der Zeitalter" (1886), "Die Zeit ist herbeigekommen" (1889), "Dein K�nigreich komme!" (1890), "Der Tag der Rache" (sp�ter: "Der Krieg von Harmagedon") (1897), "Die Vers�hnung von Gott und dem Menschen" (1899), "Die neue Sch�pfung" (1904). Der siebte Band "Das vollendete Geheimnis", der 1917 posthum erschien, stammt in seiner vorliegenden Form zum gro�en Teil nicht von R. Die sechs ersten B�nde erreichten allein bis zum Todesjahr R.s eine Auflage von zusammen ungef�hr 16 Millionen Exemplaren, zumindest nach den Angaben der Wachtturm-Gesellschaft.
Wer war R.? Von der Presbyterianischen und Kongregationalistischen Kirche entt�uscht, brachte ihn seine Suche nach Orientierung 1870 mit einer Splittergruppe aus der >adventistischen Bewegung, den "Second Adventists" ("Zweite Adventisten"), in Ber�hrung, welche die ewigen H�llenstrafen nicht lehrte. Durch diesen Kreis um den freien Prediger Jonas Wendell wurde R.s Denken in apokalyptische (endzeitliche) Bahnen gelenkt. Der Begr�nder der Adventisten, William Miller, hatte die Wiederkunft Jesu Christi auf das Jahr 1844 festgelegt. Als diese Erwartung sich nicht erf�llt hatte, gab es zahlreiche Abspaltungen im adventistischen Lager mit unterschiedlichen Deutungsversuchen. Eine dieser Gruppen war der Kreis um Jonas Wendell. Eine weitere Etappe war die Bekanntschaft R.s mit dem Herausgeber der adventistischen Zeitschrift "The Herald of the Morning", Nelson H. Barbour, im Jahre 1876. Barbour behauptete, dass Christus seit 1874 unsichtbar auf der Erde anwesend sei. Weiter meinte er, die wahren Adventgl�ubigen w�rden gesammelt und 1878 entr�ckt werden. R. schloss sich Barbour an und nannte sich seit 1876 "Pastor". Diesen Titel trug er ohne jegliche theologische Ausbildung und Ordination. Die "Second Adventists" hie�en auch "Age-to-Come-Adventists" ("Adventisten des kommenden Zeitalters"). Jonas Wendell, der Prediger dieser nur wenige Dutzend Leute umfassenden Gruppe, hatte die Jahreswende 1872/73 (sp�ter 1874) als den Zeitpunkt bezeichnet, an dem die Welt verbrennen sollte. Nach seiner Berechnung w�rden dann sechstausend Jahre seit Adam enden. Solche Endzeit berechnungen, die f�r R. pr�gend werden sollten, gehen von den sieben Wochentagen aus, welche jeweils mit tausend Jahren gleichgesetzt werden. Nach sechs Tagen im Sinne von sechstausend Jahren tritt der siebte Tag, das siebte Jahrtausend (Millennium) ein, in welchem Christus regiert. Dieses Millennium oder Tausendj�hrige Reich sollte nach Wendells Berechnungen 1873 oder 1874 beginnen.
Der Kreis um R. traf sich in Pittsburgh und Allegheny seit etwa 1870. Bis 1873 konnte dieser Kreis als ein Ableger der Wendellschen Gemeinde gelten. Sp�ter nahm R. eine eigene Entwicklung. Zwischen Barbour und den Second Adventists bestand ein wesentlicher Lehrunterschied. Dieser betraf nicht den Zeitpunkt der Wiederkunft Jesu Christi, sondern die Art seines Kommens. Im Unterschied zu Wendell erwartete Barbour die Wiederkunft Christi nicht sichtbar nach dem Weltenbrand 1873/74, sondern als eine unsichtbare Gegenwart. Hier ber�hrte sich Barbour �brigens mit der Ansicht der "Prophetin" der "Siebenten-Tags-Adventisten", Ellen G. White. Auch diese behauptete (erstmals fast 30 Jahre vor Barbour und R.!), Christus sei unsichtbar wiedergekommen � allerdings schon 1844, im von W. Miller berechneten Jahr � und habe mit der "Reinigung des Heiligtums im Himmel" begonnen. Barbour und R. vertraten die Lehre von der unsichtbaren Wiederkunft Christi (�ffentlich) erst nach 1874. Im Jahre 1877 erschien ihr gemeinsames Werk "Three Worlds, and the Harvest of This World" (anderer Titel: "Three Worlds or Plan of Redemption"), in dem sie ihre Ansicht niederlegten. Sie schrieben, dass die Ankunft Christi 1874 angefangen habe und nun die Erntezeit, die Sammlung der Heilsgemeinde, eingeleitet sei, die 1914 zu ihrem Ende gelange. Die Erntezeit betrage also 40 Jahre. 1914 werde das Weltende erreicht sein. Au�erdem fanden sich in diesem fr�hen Werk bereits die Lehren vom "Ganztod" des Menschen, von Jesus als dem "Erzengel Michael" und vom "Loskaufopfer". Die Realit�t der H�lle als "Strafort der Verdammten" wurde geleugnet (Ganztod-Lehre).
Nach einiger Zeit kam es zu Streitigkeiten zwischen R. und Barbour, und zwar vor allem in zwei Punkten. Zum ersten: Barbour erwartete, dass die lebenden Gl�ubigen oder Heiligen 1878 leiblich entr�ckt w�rden. Nachdem diese Erwartung nicht eingetroffen war und sich unter den Anh�ngern R.s Entt�uschung breit machte, stellte dieser die Lehre auf, diejenigen, die nach 1878 noch lebten, w�rden in ihrer Todesstunde sofort verwandelt und m�ssten nicht bewusstlos im Grab liegen. Gegen�ber sp�teren Lehren der Zeugen Jehovas finden sich in der Fr�hzeit R.s noch mancherlei Unterschiede, so auch in diesem Punkt. Der zweite Unterschied und Grund f�r die Trennung war die Lehre vom "Loskaufopfer". Damit war der Kreuzestod Jesu Christi gemeint. Barbour achtete diesen sehr gering. R. hingegen sah in ihm ein zentrales Ereignis, obwohl er die Lehre von der Dreieinigkeit (Trinit�t) Gottes ablehnte.
Aufgrund der ihm bei Barbour und anderen begegnenden Berechnungen entwickelte R. seine Ansicht von den Jahren 1874 und 1914. 1874 sei Christus unsichtbar wiedergekommen, um die Erntezeit einzuleiten und seine Gemeinde zu sammeln � und 1914 gehe diese Erntezeit zuende. Diese fr�he Sicht bei dem Gr�nder der sich sp�ter "Zeugen Jehovas" nennenden Gruppierung unterscheidet sich wesentlich von den sp�teren Berechnungen nach R.s Tod. Welche Ereignisse sagte R. f�r das Jahr 1914 voraus? Ich zitiere aus seinem erstmals 1889 ver�ffentlichten Buch "The Time Is At Hand" ("Die Zeit ist herbeigekommen"), deutsche Ausgabe von 1913, S. 73 f.:
"In diesem Kapitel liefern wir den biblischen Nachweis, dass das v�llige Ende der Zeiten der Heiden (Nationen), d.i. das volle Ende ihrer Herrschaft, mit dem Jahre 1914 erreicht sein wird; und dass dieses Datum die �u�erste Grenze der Herrschaft unvollkommener Menschen sein wird... Erstens, dass dann das K�nigreich Gottes, f�r welches unser Herr uns beten lehrte: �Dein Reich komme`, volle und universelle, weltenweite, Herrschaft erreicht haben und �aufgerichtet`, oder auf Erden festgegr�ndet, sein wird. Zweitens beweist es, dass er, dem das Recht, diese Herrschaft an sich zu nehmen, geb�hrt, dann als der neue Herrscher der Erde gegenw�rtig sein wird; und nicht nur dies, sondern auch, dass er einen betr�chtlichen Zeitraum vor jenem Datum gegenw�rtig sein wird, weil der Umsturz dieser nationalen Obrigkeiten direkt darauf zur�ckzuf�hren ist, dass er �wie T�pfergeschirr sie zerschmettern` (Psa. 2:9; Offb. 2:27), und an ihrer Statt sein eigenes, gerechtes Regiment aufrichten wird. Drittens beweist es, dass etliche Zeit vor dem Ablauf von 1914 n. Chr. das letzte Glied der g�ttlich anerkannten Kirche (Herauswahl) Christi, das �k�nigliche Priestertum`, �der Leib Christi`, mit dem Haupte verherrlicht sein wird..." Weitere Ereignisse, die nach R.s Ansicht 1914 eintreffen sollten, sind die Sammlung und geistliche Erneuerung Israels sowie der H�hepunkt der gro�en "Zeit der Drangsal", die allerdings "an jenem Zeitpunkt enden wird; und dann werden die Menschen gelernt haben, stille zu sein und zu erkennen, dass Jehova Gott ist, und dass er auf Erden hoch erh�ht werden wird".
Was ist davon im Jahre 1914 eingetroffen? Nichts � au�er einer "Drangsal" in Gestalt des Ersten Weltkrieges, die aber erst vier Jahre sp�ter endete und auch nicht mit der "gro�en Drangsal" oder "Tr�bsal" nach Matth�us 24,21 gleichgesetzt werden kann, denn nach dem Ersten Weltkrieg lief die Weltgeschichte wie gewohnt weiter. Die Sammlung der Juden hat R. zwar vorausgeahnt (es gab ja seit l�ngerem eine zionistische Bewegung, die darauf hin arbeitete und der R. nahe stand), aber sie traf keineswegs 1914 ein, sondern in den Jahren und Jahrzehnten darauf. Die geistliche Erneuerung Israels, seine Annahme Jesu als Messias, steht zum gr��ten Teil auch heute noch aus. Was sich aber auf keinen Fall verwirklicht hat und doch von R. und seinen Anh�ngern so gl�hend erwartet worden war, ist die Beendigung der Herrschaft der irdischen Nationen und die Aufrichtung des Reiches Jehovas auf Erden an deren Stelle. Von R.s Nachfolgern wurde diese Erwartung deshalb auf die Zeit nach 1914 verschoben, und das Jahr 1914 gilt nun nicht als Ende (wie bei R.), sondern als Anfang der Erntezeit.
Was geschah, nachdem das Jahr 1914 ohne Erf�llung der vorausgesagten Ereignisse vorbeigegangen war? In einem 1916 verfassten Vorwort zu seinem Buch "The Time Is At Hand" gestand R. seinen Irrtum ein, versuchte ihn aber gleichzeitig zu besch�nigen: "Der Autor gibt zu, dass er in diesem Buch den Gedanken nahelegt, dass des Herrn Heilige erwarten d�rfen, am Ende der Zeiten der Nationen bei ihm zu sein in Herrlichkeit. Dies war ein Fehler, den zu machen sehr nat�rlich war, doch der Herr �berwaltete ihn zum Segen seines Volkes. Der Gedanke, dass die Kirche vor Oktober 1914 in Herrlichkeit vereint sein w�rde, �bte zweifellos einen anspornenden und heiligenden Einfluss auf Tausende aus, von denen demgem�ss alle den Herrn preisen k�nnen, selbst um des Fehlers willen" (deutsche Ausgabe von 1926, S. 7). Hier versuchte R., aus der Not eine Tugend zu machen und seine Falschprophezeiungen als "Segen" hinzustellen. Doch handelte es sich �berhaupt um Falsch-Prophezeiungen oder nur um unverbindliche Meinungs�u�erungen R.s? Franz Stuhlhofer nennt in seiner R.-Biographie (1994, 83 ff.) drei Kriterien f�r einen prophetischen Anspruch: 1. die Berufung auf Gott (und nicht auf die eigene Meinung) als Quelle der Voraussagen; 2. die Behauptung, etwas Sicheres oder doch zumindest sehr Wahrscheinliches voraussagen zu k�nnen; 3. die �ffentliche Bekanntmachung der Voraussagen. Wie Stuhlhofer durch eine detaillierte Quellenanalyse nachgewiesen hat, treffen alle drei Kriterien auf R. (und seine Nachfolger) zu, auch wenn � meist im Nachhinein, d.h. nach dem Nichteintreffen der Voraussagen - die Wachtturm-Gesellschaft auf unterschiedliche Weise versucht hat, den prophetischen Anspruch abzumildern. So wird nach einer langen Reihe entt�uschter Erwartungen in den 1985 herausgegebenen "Unterredungen anhand der Schriften" gesagt: "Jehovas Zeugen behaupten nicht, inspirierte Propheten zu sein. Sie haben Fehler gemacht.". Doch dann wird dieses Zugest�ndnis gleich wieder eingeschr�nkt: "�nderungen des Standpunktes in bezug auf bestimmte Angelegenheiten sind verh�ltnism��ig geringf�gig gewesen, gemessen an den wichtigen biblischen Wahrheiten, die Jehovas Zeugen erkannt und ver�ffentlicht haben" (S. 149).
Die Bibel nennt einen eindeutigen Ma�stab, um einen >falschen Propheten zu erkennen: "Wenn der Prophet redet in dem Namen des Herrn und es wird nichts daraus und es tritt nicht ein, dann ist das ein Wort, das der Herr nicht geredet hat" (5. Mose 18, 22). Bei R.s Voraussagen handelt es sich ganz offensichtlich um Falschprophetie � und dennoch hielten nach 1914 viele an seinen Lehren fest oder deuteten einzelne Punkte um. So wird von den heutigen Zeugen Jehovas die Ansicht vertreten, Christus habe 1914 den Satan aus dem Himmel geworfen und dadurch auf Erden den Ersten Weltkrieg ausgel�st. Aus einer Prophezeiung des Heils, n�mlich der Aufrichtung des Reiches Jehovas auf Erden, wurde eine Prophezeiung gr��ten Unheils gemacht und diese damit in ihr Gegenteil verkehrt. Die Aussage, welche in einer sp�teren Schrift der Zeugen Jehovas �ber falsche Propheten getroffen wurde, findet letztlich in R. � und nicht nur in diesem - ihre frappierendeste Erf�llung. In dem Buch "Das Paradies f�r die Menschheit durch die Theokratie wiederhergestellt" lesen wir auf Seite 355: "Jehova, der Gott der wahren Propheten, wird alle falschen Propheten in Schande geraten lassen, entweder dadurch, dass er die falsche Voraussage solcher Propheten, die sich dieses Amt selbst anma�en, nicht erf�llen l�sst oder indem er seine eigenen Prophezeiungen auf eine Weise verwirklicht, die zu derjenigen der falschen Propheten im Gegensatz steht. Falsche Propheten werden den Grund f�r ihre Schande zu verbergen suchen, indem sie verleugnen, wer sie wirklich sind."
S. auch: Zeugen Jehovas; Wachtturm-Gesellschaft; Endzeit-Berechnungen; >Adventisten; Ganztod-Lehre; Loskaufopfer; Dreieinigkeit; Rutherford, Joseph Franklin; Knorr, Nathan Homer.
Lit.: F. Graf-Stuhlhofer; Charles Taze Russell, 1994; L. Gassmann, Zeugen Jehovas, 2000.
Lothar Gassmann
Etliche Texte sind auch in gedruckter Form erschienen in verschiedenen Handb�chern (je 144-200 Seiten, je 9,80 Euro):
1. Kleines Sekten-Handbuch
2. Kleines Kirchen-Handbuch
3. Kleines �kumene-Handbuch
4. Kleines Endzeit-Handbuch
5. Kleines Katholizismus-Handbuch
6. Kleines Anthroposophie-Handbuch
7. Kleines Zeugen Jehovas-Handbuch
8. Kleines Ideologien-Handbuch
9. Kleines Esoterik-Handbuch
10. Kleines Theologie-Handbuch
Weitere Handb�cher (�ber Theologie, Esoterik, u.a.) sind geplant. Informationen bei www.l-gassmann.de