Sekte

1. Der Begriff "Sekte":

Der Begriff "Sekte" stammt aus den Lateinischen und l�sst sich aus zwei m�glichen Sprachwurzeln ableiten:

Die erste Erkl�rung wird � rein etymologisch � �berwiegend als die wahrscheinlichere betrachtet. Von der Sache her gesehen, k�nnen jedoch beide Begriffe einander erg�nzen: Man folgt einem Meister, Guru oder Glaubenslehrer nach und trennt sich dadurch von der urspr�nglichen Gemeinschaft. Im Griechischen entspricht dem lateinischen "secta" der Begriff "heiresis" (H�resie).

2. Sekte und Sondergemeinschaft:

Anstelle von "Sekte" wird heute gerne die Bezeichnung "Sondergemeinschaft" verwendet.

Es stellt sich die Frage, ob dieser Begriff passend ist, denn jede menschliche Gemeinschaft besitzt Besonderheiten � nicht nur Sekten, sondern auch Kirchen und Freikirchen. Sonst w�rden sie sich ja nicht voneinander unterscheiden. Ferner stellt sich die grundlegendere Frage: Wovon hat sich eine Gruppe denn abgesondert? Was ist denn die urspr�ngliche Kirche und was ist die Sekte? Gerade solche Gruppen, die man als die "klassischen christlichen Sekten" einstuft (z. B. Zeugen Jehovas, Neuapostolische Kirche, Mormonen), beanspruchen, die urspr�ngliche (vorkonstantinische) Kirche zu sein oder sie wiederherzustellen, also die Urgemeinde vor dem 4. Jahrhundert nach Christus, als die r�mische Staatskirche entstand. Wegen seiner unklaren Abgrenzung und schillernden Weite wird der Begriff "Sondergemeinschaften" gerne f�r solche Gruppen verwendet, die nicht als die klassischen Sekten gelten, sondern die an der "Schwelle" zwischen Sekte und Freikirche stehen, wie z.B. die Adventisten und �hnliche Richtungen.

Die >Siebenten-Tags-Adventisten wurden bis vor wenigen Jahren zu den klassischen Sekten gerechnet. Allerdings haben sie eine Entwicklung zu einer gr��eren Akzeptanz anderer Gemeinschaften und Milderung lehrm��iger Standpunkte durchgemacht und dadurch ein St�ck weit ihr "Sekten-Image" verloren � was zur Folge hatte, dass sich extremere Kreise wiederum von ihnen abspalteten ("Tochter-Sekten").

3. Sekten, Kirchen und Freikirchen:

Wenn wir von

reden, dann stellt sich die grundlegende Frage:

Was ist denn demgegen�ber die richtige Kirche bzw.Gemeinde ?

Der deutsche Begriff "Kirche" �hnelt dem griechischen Wort "kyriak�", "die dem Herrn Geh�rige". Kirche umfasst Menschen, die dem Herrn Jesus Christus geh�ren. Kirche ist zun�chst die unsichtbare Kirche. Martin Luther unterschied zwischen sichtbarer und unsichtbarer Kirche. Er sagte, die "ecclesia invisibilis" (unsichtbare Kirche) umfasse alle wirklich durch Jesus Christus Erl�sten und an Christus Glaubenden. Die sichtbare Kirche ist dann diejenige, in der sich Menschen um Wort und Sakrament versammeln, die also auch �u�ere Kennzeichen besitzt. Sichtbare und unsichtbare Kirche sind nicht v�llig deckungsgleich, sondern nur teilweise. Die sichtbare Kirche ist ein "corpus permixtum" ("vermischter Leib") aus Gl�ubigen und Heuchlern, wie die Reformatoren treffend gesehen haben. In 1. Sam 16,7 wird klar von den Erkenntnisgrenzen des Menschen im Blick auf den Herzenszustand seiner Mitmenschen gesprochen:

"Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der Herr aber sieht das Herz an."

Das sollte vor jedem Hochmut im Sinne des Anspruchs auf "die perfekte Gemeinde der nur wirklich Gl�ubigen" bewahren, denn au�er dem Betroffenen selber kann nur Gott wissen, wer wirklich glaubt � und wer nur so tut, als geh�re er dazu.

Es gibt also die unsichtbare Kirche, die nur Gott wirklich kennt. Und trotzdem m�ssen wir, da wir auf Erden leben, auch eine sichtbare Kirche als konstituiert betrachten. Im Augsburger Bekenntnis, Artikel 7, wird die Kirche als "eine heilige, christliche Kirche" definiert. Sie ist "die Versammlung aller Gl�ubigen, bei welchen das Evangelium rein gepredigt und die heiligen Sakramente gem�ss dem Evangelium gereicht werden." In Artikel 8 kommt die Spannung zwischen (unsichtbarem) Ideal und (sichtbarer) Wirklichkeit zum Ausdruck, indem betont wird, dass in der Kirche, die "eigentlich nichts anderes als die Versammlung aller Gl�ubigen und Heiligen" ist, doch "viele falsche Christen und Heuchler, auch �ffentliche S�nder" bleiben. Das ist in wesentlichen Z�gen das lutherisch-reformatorische Verst�ndnis von Kirche.

Die Basisformel des �kumenischen Rats, 1948 in Amsterdam verabschiedet, definiert Kirche formal knapper und inhaltlich umfassender, n�mlich im Sinne eines �kumenischen Minimalkonsenses. Dort heisst es:

"Kirchen sind solche Gemeinschaften, die den Herrn Jesus Christus, gem�ss der Heiligen Schrift, als Gott und Heiland bekennen und darum gemeinsam zu erf�llen trachten, wozu sie berufen sind, zur Ehre Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes." Hier ist also enthalten: "der Herr Jesus Christus, gem�ss der Heiligen Schrift".

Jesus Christus, wie er in der Bibel beschrieben wird, bildet die Grundlage der christlichen Kirchen. Und zwar wird er ausdr�cklich als "Gott" und "Heiland" ("Retter", "Erl�ser") definiert � im Gegensatz zu manchen Aufl�sungserscheinungen, die sich heute nicht nur bei vielen Sekten, sondern leider weithin auch beim �kumenischen Rat selber finden. Im Gegen�ber zu verschiedenen Sekten und Kulten wird auch die Dreieinigkeit ausdr�cklich angesprochen, wenn auch in einer doxologischen (lobpreisenden) Formel. Diese Definition aus dem Jahre 1948 ist allerdings inhaltlich sehr d�nn und l�sst leider durch ihre mangelnde Lehrfestsetzung auch f�r unbiblische Gruppierungen Raum. Klarere Definitionen hingegen finden sich in den altkirchlichen Bekenntnissen (>Nic�num, >Nic�no-Constantinopolitanum und >Chalkedonense), die bis heute das bindende Glied zwischen den gro�en Konfessionen und auch den meisten Freikirchen (im Unterschied zu den Sekten) sind.

Freikirchen sind im Wesentlichen nichts anderes als Kirchen, die staatsunabh�ngig, also frei ihre Versammlungen und ihre Existenzweise leben wollen. Es gibt allerdings auch Unterschiede in Struktur, Sakramentsverst�ndnis und auf anderen Gebieten, aber urspr�nglich kommt der Begriff von der organisatorischen Unabh�ngigkeit und Freiheit der Kirchengebilde her. In den USA z. B. sind � im Gegensatz zu europ�ischen L�ndern � alle Kirchen (also auch die lutherische, reformierte und r�misch-katholische Kirche) Freikirchen aufgrund der dortigen Staatsstruktur. In Europa rechnet man zu den Freikirchen hingegen Denominationen wie Methodisten, Baptisten, Br�dergemeinden, Mennoniten, Freie Evangelische Gemeinden, aber auch Abtrennungen von den ehemaligen lutherischen und reformierten Staatskirchen, etwa die Selbst�ndige Evangelisch Lutherische Kirche und die Evangelisch-altreformierte Kirche.

4. Unterschiedliche Sektendefinitionen:

Eine Sekte kann von verschiedenen Kategorien und Ausgangspunkten her definiert werden:

Wenn man die "Sekte" rein soziologisch betrachtet, dann ist es eine abgegrenzte Gemeinschaft, die im Gegen�ber steht zu den Gro�kirchen (katholisch, evangelisch, orthodox). Sie wird dann weithin durch Quantit�t (die Zahl ihrer Mitglieder) definiert. Eine Sekte steht oftmals auch in Spannung zur Gesellschaft, zu ihrer Umgebung, zu den kulturellen, historischen und sozialen Gegebenheiten, in denen sie lebt, die sie meistens ablehnt und im Gegensatz zu denen sie eine eigene Lebensstruktur bildet.

Im Jahre 1877 grenzte der T�binger evangelische Theologe Christian Palmer Kirche und Sekte folgenderma�en voneinander ab:

"Juristisch ist jede Gemeinschaft eine Sekte, wenn sie ... sich von der herrschenden, vom Staat anerkannten Kirche trennt, und ihren eigenen Gottesdienst, ihr eigenes Vorsteher- und Lehramt errichtet ... Nur eine solche Gemeinschaft religi�sen Glaubens und Lebens, die im Stande ist, ein ganzes Volksleben zu durchdringen und eine weltgeschichtliche Potenz zu werden, nur eine solche kann als Kirche anerkannt werden, alle �brigen, die sich um einzelne H�upter sammeln, deren absonderliche Meinungen annehmen, die aber viel zu kleinlich und subjektiv sind, um weltgeschichtlich und volksth�mlich zu werden, sind und bleiben Sekten" (Chr. Palmer, Die Gemeinschaften und Sekten W�rttembergs, 1877, 8.10).

W�hrend Palmer vom vorgegebenen Ma�stab der Staatskirche ausging und s�mtliche anderen Gemeinschaften �u�erst undifferenziert als "Sekten" einordnete, definierte im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts der Soziologe Max Weber die Zugeh�rigkeit zu "Kirche" oder "Sekte" nach dem Grad der Freiwilligkeit:

"Eine �Kirche` ist eine Gnadenanstalt, welche religi�se Heilsg�ter wie eine Fideikommi�stiftung verwaltet und zu welcher die Zugeh�rigkeit (der Idee nach!) obligatorisch, daher f�r die Qualit�t des Zugeh�rigen nichts beweisend ist, eine �Sekte` dagegen ein voluntaristischer Verband ausschlie�lich (der Idee nach) religi�s-ethisch Qualifizierter, in den man freiwillig eintritt, wenn man freiwillig kraft religi�ser Bew�hrung Aufnahme findet" (M. Weber, Gesammelte Aufs�tze zur Religionssoziologie, 1963, 211).

Auch bei Weber blieb der Unterschied zwischen Sekte, Freikirche und pietistischer Gemeinschaft v�llig aus dem Blickfeld. Der Ma�stab der Freiwilligkeit kennzeichnet � bis in den Namen hinein � Freikirchen, nicht nur (und manchmal �berhaupt nicht) Sekten. Die ebenfalls im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts verfasste und viel zitierte Definition des evangelischen Theologen und nachmaligen Philosophen Ernst Troeltsch fiel zwar theologischer aus, konnte aber auch nicht den Unterschied zwischen Sekten und Freikirchen fassen und traf zudem nur auf einen bestimmten Ausschnitt aus dem Spektrum der unterschiedlichen Gemeinschaften zu. Sie lautete: "Die Sekte ist die freie Vereinigung strenger und bewusster Christen, die als wahrhaft Wiedergeborene zusammentreten, von der Welt sich scheiden, auf kleine Kreise beschr�nkt bleiben, statt der Gnade das Gesetz betonen und in ihrem Kreise mit gr��erem oder geringerem Radikalismus die christliche Lebensordnung der Liebe aufrichten, alles zur Anbahnung und in der Erwartung des kommenden Gottesreiches" (E. Troeltsch, Die Soziallehren der christlichen Kirchen und Gruppen, Neudruck 1977).

Gegen�ber solchen pauschalen Formulierungen wurde nach dem Zweiten Weltkrieg der Sekten-Begriff eingeschr�nkt und von den auch in Europa immer mehr Anerkennung findenden Freikirchen abgegrenzt. Insbesondere der kirchliche Sektenbeauftragte und Kirchenrat Kurt Hutten hat bis in die siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts hinein das Bild der "klassischen Sekten" gepr�gt. Er definierte diese soziologisch ("innerliches Winkeldasein"), ohne den dogmatischen Aspekt auszublenden. Huttens Definition lautete: "Was eine Gemeinschaft zur �Sekte` macht, ist, abgesehen von ihrer Sonderlehre und ihrer lehrm��igen Entstellung der biblischen Botschaft, jene rechthaberische Haltung, die eigene Wahrheitserkenntnis mit der Wahrheit Christi gleichsetzt. Die Folge dieser Rechthaberei ist, dass solche Sekten sich von allen anderen Gemeinschaften und ihren Gliedern scheiden und sie verteufeln. Weil sie nicht mehr um den Unterschied zwischen der Wahrheit Christi und ihren eigenen Lehren wissen, billigen sie denen, die andere Lehren vertreten, nicht mehr zu, dass sie auch Christen sind" (K. Hutten, Seher � Gr�bler � Enthusiasten. Sekten und religi�se Sondergemeinschaften der Gegenwart, 1968, 750f.).

Im Anschluss an Hutten bildeten sich folgende Kennzeichnungen der "klassischen (christlichen) Sekte" heraus: "die christliche Wurzel der Gruppe; ein Absolutheitsanspruch auf das Heil gegen�ber der �kumene der christlichen Kirchen; Verweigerung der �kumenischen Gemeinschaft; scharfe Kirchenkritik, aggressive Mission im Bereich der Gro�kirchen (Proselytismus); klarer Umriss der Gruppe mit deutlichen Grenzen zwischen Innenwelt und Au�enwelt, soziale Konflikte mit der Au�enwelt; hierarchische, h�ufig zentralistische Machtstrukturen, ein geschlossenes Lehrsystem und eine normierte Lebenspraxis" (zit. bei: H. Hemminger, Was ist eine Sekte? 1995, 29).

Seit den siebziger und achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts wurde der Sektenbegriff wieder zunehmend verschwommen, da sich � etwa durch das zunehmende Eindringen nichtchristlicher Religionen und Kulte und einen wachsenden "Supermarkt" spiritueller Angebote bedingt � eine "diffuse Religiosit�t" im "christlichen Abendland" ausbreitete. So lassen sich heute z.B. folgende Formen von Sekten, Kulten und religi�sen Angeboten im Abendland unterscheiden (vgl. Hemminger, a.a.O., 36ff.):

a. klassische "christliche" Sekten wie

b. Hindu-Sekten

wie

c. buddhistische Sekten

wie verschiedene "Schulen" des >Zen;

d. Psycho-Sekten

wie

e. synkretistische Sekten

wie

f. Polit-Sekten

wie

g. Neuoffenbarungs- und spiritistische Sekten

wie

h. satanistische Sekten und Kulte (>Satanismus);

i. New-Age-Sekten und -Kulte;

j. esoterische Vereinigungen mit mehr oder weniger sektenf�rmigen Ausformungen wie die >Theosophische und >Anthroposophische Gesellschaft mit der "Christengemeinschaft ".

Dieses Schema ist nicht starr, sondern flie�end, d.h. viele Sekten sind mehreren Kategorien gleichzeitig zuzuordnen. So weisen z.B. mehrere der "klassischen Sekten" zugleich Kennzeichen der Neuoffenbarung, des esoterischen Wissens und des Spiritismus (wenn auch oft verschleiert) auf. Die Bahai-Bewegung kann als synkretistische Sekte, aber auch als Abspaltung aus dem Islam mit esoterischen Elementen eingeordnet werden. Die Bhagwan-Bewegung als Hindu-Sekte weist zugleich Kennzeichen einer Psycho-Sekte auf. Diese Beispiele k�nnten noch lange fortgesetzt werden. Die Zahl der Sekten, Kulte und Religionen (und dazu geh�rt nicht zuletzt der Islam!), die in der westlichen Welt "missionieren", geht inzwischen in die Hunderte, ja wom�glich sogar in die Tausende, wenn man alle Splittergruppen, "Tochter-Sekten" usw. mitrechnet. Gibt es dann aber �berhaupt noch Kriterien, um diese zu beurteilen? Ich halte es mit Kurt Hutten, der neben den soziologischen auch den theologisch-dogmatischen Ma�stab stellte. Hutten wandte die reformatorischen Bekenntnisse als Ma�stab zur Pr�fung aller Sektenlehren an, allerdings mit einer wesentlichen Einschr�nkung: "Der Wahrheitsanspruch der reformatorischen Bekenntnisse steht und f�llt damit, dass sie sich mit der Heiligen Schrift decken und den zentralen Inhalt der Offenbarung Gottes richtig wiedergeben ... Die Verwendung der in den reformatorischen Bekenntnissen enthaltenen Ma�st�be ist sachgem��, weil und sofern diese Bekenntnisse nichts anderes sagen, als was die Heilige Schrift sagt" (Hutten, a.a.O., 748).

Hier freilich liegt das Problem, denn viele Sekten werfen den Kirchen der Reformation gerade dies vor, dass sie in ihren Bekenntnissen die biblische Botschaft bzw. Teile von ihr vergessen oder verf�lscht h�tten, die von ihnen selber wieder entdeckt worden seien. Es bleibt also letztendlich allein die Bezugnahme auf die Bibel Alten und Neuen Testaments in den Ursprachen, um ein Kriterium zur Beurteilung von Sekten, Kulten und Weltanschauungen an der Hand zu haben. Und hier wiederum ist die schriftgem��e Hermeneutik (Auslegungskunst) entscheidend. Welches aber ist die schriftgem��e Hermeneutik? Es ist die Hermeneutik, welche die Intention der biblischen Aussagen ernst nimmt � und das heisst: die vom Literalsinn (Wortsinn) und Kontext (Zusammenhang) der einzelnen Bibelstellen ausgeht und die >heilsgeschichtliche Entfaltung der biblischen Berichte beachtet. Geschichtsbericht ist als Geschichtsbericht, Bildwort als Bildwort, Gleichnis als Gleichnis zu deuten usw. Welche Auslegung im Einzelfall angemessen ist, geht in der Regel klar aus dem Textzusammenhang hervor. Auf diese Kriterien haben die Reformatoren Wert gelegt und sie neu ans Licht gehoben. Schriftgem��e Hermeneutik ist also eine Interpretation, die Bibelstellen nicht aus ihrem Zusammenhang rei�t oder gewaltsam allegorisch umdeutet, wie dies bei Sekten oft geschieht.

Kurt Hutten betonte neben der Orthodoxie die Orthopraxie: "Die Entscheidung �ber die Seligkeit und Verdammnis f�llt nicht im Raum des Bekenntnisses, sondern in der Nachfolge" (K. Hutten, a.a.O., 748f.) Das ist v�llig richtig. Richtige Lehre und richtiges Leben geh�ren zusammen. Und der Ma�stab f�r beides ist die Heilige Schrift.

Von diesem Ma�stab � der Heiligen Schrift Alten und Neuen Testaments � gehe auch ich selber bei der Beurteilung von Sektenlehren aus. Zusammenfassend sei gesagt: Man kann aus christlicher Sicht alle religi�sen Gruppen, die den Hauptlehren des Alten und Neuen Testaments widersprechen und statt dessen eigene Lehrsysteme entwickelt haben, streng genommen als "Sekten" bezeichnen. Da dies bei Freikirchen nicht der Fall ist, sind diese keine Sekten. Freikirchen unterscheiden sich zwar von den Gro�kirchen und untereinander durch einzelne Lehrfragen, aber diese treten nicht zu den klaren Hauptlehren des Alten und Neuen Testaments (wie sie etwa in den altkirchlichen "�kumenischen" Bekenntnissen zusammengefasst sind) in Gegensatz.

5. Wie warnt uns die Bibel vor Sekten?

In Mt 7,15ff. und 24 warnt Jesus seine J�nger vor falschen Christussen und falschen Propheten, die zum Teil mit gro�en Zeichen und Wundern die Welt bet�ren und die Gl�ubigen betr�gen wollen. In Phil 3,18 ist die Rede von "Feinden des Kreuzes Christi". In 2. Kor 11,12-15 warnt Gottes Wort die Gemeinde vor Satan, der sich "verstellt als Engel des Lichts" und vor seinen falschen Aposteln, die sich "verstellen als Arbeiter der Gerechtigkeit". In 1. Tim 4,1-3 ist von "verf�hrerischen Geistern und Lehren von Teufeln" die Rede. 2. Tim 4,3-4 enth�lt die Voraussage, dass die Menschen "ihre Ohren von der Wahrheit abwenden und sich den Fabeln zuwenden" werden. Auch in 2. Petr 2 sind falsche Propheten erw�hnt, die "unter dem Volk" sind und verf�hrerische Spaltungen und Irrlehren bringen. Gal 1,6f. spricht von dem falschen bzw. "anderen Evangelium". Auf demjenigen, der dieses vertritt, lastet der Fluch. In Kol 2,8f. heisst es: "H�tet euch vor der Philosophie und leerem Betrug, gegr�ndet auf die Lehre von Menschen und auf die Elemente der Welt und nicht auf Christus." Hier findet sich eine Warnung vor gnostischen Bewegungen, die behaupteten, die F�lle in den Elementen der Welt oder in falschen asketischen oder meditativen �bungen zu finden. Auch diese Lehren haben heute ihre Nachfolger, etwa in Gestalt von Theosophie, Anthroposophie und New Age. In 1. Tim 3 wird gewarnt vor "ungeistlichen Altweiberfabeln". In Tit 1,10 f. ist die Rede von "frechen Schw�tzern und Verf�hrern ... die lehren, was nicht taugt, um sch�ndlichen Gewinnes willen". Auch der gesamte Judasbrief warnt � wie 2. Petrus 2 � vor Irrlehrern der Endzeit. Die ganze Bibel ist voll von solchen Warnungen und der Sorge um das Heilsvolk bzw. die christliche Gemeinde.


6. Wie k�nnen wir Sektenmitgliedern begegnen und helfen?

Hier gilt im Wesentlichen das unter Apologetik Ausgef�hrte. Erg�nzend sei Folgendes genannt:

Ganz eminent wichtig sind die Sprache, die Begriffe im Gespr�ch, die Terminologie. Wenn ich mit jemanden, der zu einer Sekte oder einem Kult geh�rt, spreche, dann ist die Verwirrung der Geister sehr schnell perfekt, wenn die Begriffe vermischt und verwirrt werden. Denn nat�rlich reden auch Mitglieder von Sekten von "Gott", von "Christus", von "Erl�sung", von "Wiedergeburt" usw. Alle diese Begriffe, die der Bibel entnommen sind, und viele weitere kommen vor. Aber wir m�ssen immer fragen: Was meint Ihr damit?

Mit der Begriffsverf�lschung h�ngt die Umdeutung von ganzen Bibeltexten zusammen. Man benutzt zwar die Bibel (zumindest bei Sekten im christlichen Kulturraum) recht h�ufig, aber wie einen Steinbruch, �ber den man dann das Sekten-System dar�ber st�lpt und allegorisch etwas anderes sagt als das, was vom Literalsinn her dasteht. Demgegen�ber ist es entscheidend, den Kontext und den Hintergrund der biblischen Aussagen zu beachten: Bildwort ist als Bildwort, Allegorie als Allegorie, Prosa als Prosa, Parabel als Parabel usw. zu deuten. Es ist in der Auslegung auch wichtig, die Entfaltung von Gottes Heilsplan, sein heilsgeschichtliches Fortschreiten zu ber�cksichtigen. So macht z.B. der Hebr�erbrief im Neuen Testament deutlich, dass die Opfer des Alten Bundes durch das einmalige Opfer Jesu erf�llt und damit auch abgetan sind. Eine Auslegung, die alttestamentliche Aussagen � etwa �ber die Zeremonialgesetze � aus ihrem heilsgeschichtlichen Zusammenhang rei�en und f�r die Gemeinde des neutestamentlichen Zeitalters verbindlich machen m�chte, ist falsch, wird aber von vielen Sekten so gehandhabt, die damit in einer gewissen >Gesetzlichkeit enden.

In diesem Zusammenhang ist auch auf die Frage nach dem Sabbat hinzuweisen, die namentlich f�r die >Siebenten-Tags-Adventisten ein entscheidendes Unterscheidungsmerkmal darstellt. Hier wird schlichtweg �bersehen, dass die urchristliche Gemeinde schon in neutestamentlicher Zeit � und nicht erst seit Kaiser Konstantin! � den ersten Tag der Woche (sp�ter "Sonntag" genannt) als besonderen Gedenktag an die Auferstehung des Herrn und in bewusster Unterscheidung zu den j�dischen Gebr�uchen heilig gehalten hat (vgl. Joh 20,1.19.26; Apg 20,7; Offb 1,10 u.a.).

Was ist Wahrheit" Diese Frage ist auch im Umgang mit Sekten und Kulten von Bedeutung. Die Wahrheitsfrage braucht eine Basis. Die Wahrheit ist zun�chst personal: Jesus Christus, wie er uns geoffenbart ist in Gottes Wort, heilsgeschichtlich in Weissagung und Erf�llung (vgl. Joh 14,6). Aber auch in Joh 17,17 ist von der Wahrheit die Rede: "Dein Wort ist die Wahrheit!", sagt Jesus zu Gott dem Vater. Wahrheit ist also das den Zeugen geoffenbarte Wort Gottes, wie es schlie�lich schriftlich in Gestalt der Bibel niedergelegt wurde. Und dieses Wort ist die "norma normans", die normierende Norm f�r alle Erkenntnisse heutiger, vergangener und zuk�nftiger Zeit.

Nun stellt sich uns die schwierige Frage: Gehen die Mitglieder von Sekten ewig verloren? K. Hutten schreibt hierzu: "Es ist also nicht erlaubt, ein Generalurteil zu f�llen: Weil in diesen Gemeinschaften irrige Lehren verk�ndet werden, deshalb verfehlen ihre Mitglieder das Heil. Wir k�nnen nur sagen: Wegen dieser irrigen Lehren ist es dem einzelnen erschwert, den rechten Weg zu finden. Er ist in Gefahr, auf Abwege zu geraten, das Wichtigste an den Rand zu schieben und Nebens�chliches in den Mittelpunkt zu stellen. Er kann dazu verf�hrt werden, dass er sich auf tr�gerische Sicherheiten verl�sst und dass der Boden, auf dem er steht, dann einbricht. Aber er kann trotz seines irrigen Bekenntnisses in der Nachfolge des Herrn stehen und ihn lieben" (Seher � Gr�bler � Enthusiasten, 1968, 749). Hutten ist zu Recht sehr vorsichtig und �berl�sst das letzte Urteil Gott, der das Herz des Einzelnen ansieht und erkennt, wie dieser zu ihm steht. Allerdings � so denke ich � ist eine biblisch klar bestimmte Grenze da �berschritten, wo der Einzelne Jesus Christus als lebendigen Sohn Gottes und Erl�ser ablehnt. "Wer den Sohn hat, der hat das Leben. Wer den Sohn Gottes nicht hat, der hat das Leben nicht" (1. Joh 5,12).

Freilich � und darauf weist Hutten treffend hin � macht das rechte Bekenntnis allein nicht selig, sondern Lehre und Leben geh�ren zusammen. Manche Anh�nger von Sekten f�hren ein �usserlich tadelloses Leben. Aber wenn eine Person �u�erlich gut handelt, braucht sie noch nicht auf der Seite Jesu Christi zu stehen. Wenn ihr Handeln ein rein menschliches Gem�chte, ein humanistisches Werk ist, geht sie ohne den rettenden Glauben trotzdem verloren (vgl. R�m 3). Vielmehr geh�rt beides zusammen: richtige Lehre und richtiges Leben. Somit gilt: weder Lehre ohne Leben, noch Leben ohne Lehre. Und Leben heisst nun eben Nachfolge Christi. Dietrich Bonhoeffer sch�rft uns in seiner Schrift "Nachfolge" ein, dass es keine billige Gnade sein darf, sondern die teure Gnade, die Jesus das Leben gekostet hat, die teure Gnade, die das neue Leben ausmacht und den Gehorsam gegen�ber Gott bedingt. Und diese teure Gnade, dieses allein durch Jesus Christus erworbene Heil gilt es, den Mitgliedern von Sekten einladend zu bezeugen.

S. auch: Apologetik; H�resie; Schisma; Kult; >Ketzerei.

Lit.: K. Hutten, Seher � Gr�bler � Enthusiasten, div. Auflagen; L. Gassmann, Was sind Sekten � und was nicht?, 1998.

Lothar Gassmann


Index

Etliche Texte sind auch in gedruckter Form erschienen in verschiedenen Handb�chern (je 144-200 Seiten, je 9,80 Euro):

1. Kleines Sekten-Handbuch
2. Kleines Kirchen-Handbuch
3. Kleines �kumene-Handbuch
4. Kleines Endzeit-Handbuch
5. Kleines Katholizismus-Handbuch
6. Kleines Anthroposophie-Handbuch
7. Kleines Zeugen Jehovas-Handbuch
8. Kleines Ideologien-Handbuch
9. Kleines Esoterik-Handbuch
10. Kleines Theologie-Handbuch

Weitere Handb�cher (�ber Theologie, Esoterik, u.a.) sind geplant. Informationen bei www.l-gassmann.de